Das bin ich und so war`s...

  • Tag 7


    Wir starten mit einem Hauch Wehmut in den Tag, denn über die Hälfte unserer Zeit auf der Insel ist nun schon vorüber. Doch ein Blick auf den Zwischenbericht zeigt, dass das Glas nicht halbleer sondern halbvoll ist: Nach erfolgreichen Marathonwochenende, dem Haifoss aus neuer Perspektive folgten unter anderem ein atemberaubender Ausblick vom Sveinistindur über den Langisjór sowie das noch nicht ganz verarbeitete Erlebnis von gestern. Gegenüber diesen Tagen mit nicht unerheblichem Unsicherheitsfaktor im Vorfeld, klingt unser heutiges Vorhaben schon fast langweilig. Wir fahren zu den Laki-Kratern, wollen dabei sogar nummerierte Straßen und die Annehmlichkeiten von ausgewiesenen Wanderwegen nutzen. Also ziehen wir wieder Richtung Kirkju los, wo wir zunächst einmal den für uns unbekannten Stjornarfoss in Augenschein nehmen. Sein glasklares Wasser, plätschert heute nur sparsam über den breiten runden Felsvorsprung hinab, wodurch wir den gewissen WoW-Effekt vermissen.


    Diesen erhoffen wir uns gleich vom nächsten Wasserfall namens Hagafoss. Nicht ganz so komfortabel erreichbar, liegt dieser etwa drei Kilometer Fußmarsch von der Farm Mörtunga entfernt. Bei diesem Traumwetter ein Klax, wäre da nicht das Selbstverständnis fremden Grund und Boden zu achten. Ein geschlossenes Torweg an der Farm und der Mangel an möglichen Small-talk-partnern, die man höflich um einen Passierschein fragen könnte, lassen uns umdrehen und nun Richtung Laki ziehen. Einen bisschen enttäuscht sind wir schon, haben aber schon einen neuen Hoffnungsträger im Visier. Der Fagrifoss liegt ohnehin auf dem Weg und scheint so zum Greifen nah. Dieser Annahme sind wir jedenfalls solange bis uns plötzlich auf der F206 ein schriller Piepton aus dem Armaturenbrett des Jeeps entgegenweht. Der Tatsache geschuldet, dass unser Gefährt bisher nicht gerade mit Sparsamkeit an Warntönen aller Art glänzt, kommt erstmal keine große Hektik auf. Ein leuchtendes Reifensymbol zum lauten Aufschrei der Bordelektronik ist allerdings ein Novum und ergibt zusammen mit dem scharfkantigen Untergrund eine beunruhigende Logik. Ein lautes Zischen nach dem Türöffnen bestätigt dann die Befürchtung – wir haben einen Platten.


    Bevor ich irgendwas mache, übertrage ich wie in jeder brenzlichen Situation zuvor meinen Optimismus erstmal auf Madame und versichere ihr, dass es bald weitergeht. Alles was wir dafür brauchen haben wir dabei, lediglich die Frage ob ich die Radmuttern demontiert bekomme, liegt nur bedingt in meiner Hand. Sind diese von einem echten Wikinger festgezogen worden, haben wir zarten Pflänzchen verloren. Mit einem lauten Knacken bekomme ich die erste Mutter gelöst und unter leichten Jubel folgen die restlichen vier. Nun noch mit gemeinsamer Kraft das schwere Rad auf die Achse gewuchtet und schon ist unser Boxenstopp vorbei ohne dass uns jemand überholt hat. :)Gewohnte Einsamkeit, die angesichts des eben Geschehenen leicht nachdenklich macht, kurz darauf am Fagrifoss jedoch wieder sehr willkommen ist. So genießt`s sich doch am schönsten, vorallem wenn das Objekt der Begierde so bezaubernd wie dieser sanft fallende Wasserfall ist.


    Wieder einmal stecken wir im Dilemma zwischen „gehen“ und „stehen“ und nehmen einen herantrudelnden mittelgroßen Bus als Signal weiter zu ziehen. Viele Leute in unserer Nähe, das kennen wir nur noch von der Supermarktkasse und würden dem Fahrer und seiner Horde die Aussichtsplattform gerne überlassen. Die Reisegemeinschaft zieht es allerdings vor den direkten Weg zu den Laki-Kratern zu nehmen und so für uns zu einem stetig größeren Ärgernis zu werden. Schnell laufen wir auf den Bus auf und stecken fest. Das Tempo kaum schneller als ich beim letzten Anstieg des Halbmarathons und ein Fahrer, der wohl mit weniger Nächstenliebe gesegnet ist als Unsereins, lassen uns verzweifeln. Nachdem er die besten Möglichkeiten auslässt uns vorbei zulassen, wir den Glauben an ihn gänzlich verloren haben, lassen wir uns zurückfallen um wenigstens die Atemwege zu schonen. Mehr als 30 Kilometer schauen wir in die karge Landschaft als doch das Wunder passiert und der Bus noch an den Rand fährt…zwecks Fotostopp. Wir sind heilfroh obwohl wir 2 Kilometer später bereits auf dem Parkplatz an den Kratern stehen. Dort erklärt uns die Rangerin noch kurz die Gegebenheiten und die Nationalparkregeln, bevor wir auf den Gipfel des Laki wandern. Mit schweren Beinen oben angekommen, erhalten wir trotz leichten Zwielicht einen guten Eindruck über die Dimensionen der etwa 25 Kilometer langen Kraterreihe.


    Wir fangen alles im Bilde ein und machen uns dann an den Abstieg, der wie jede bergab-Passage angesichts Madame`s Gleichgewichtsstörungsinn ein Highlight an sich ist. Es könnte das Letzte für heute sein, denn am Auto angelangt steht eigentlich nur noch der Rückweg an. Was für eine Untertreibung: mit atemberaubenden Fernblick auf die Gipfelketten jenseits der Skaftá treibt es uns durch eine bizarre Aschewüste, die gelegentlich mit leuchtend grünen Quellmoos geschmückt ist. Ein Hauch von Schwerelosigkeit weht über den losen Untergrund und lässt uns fast den Tjarnagigur verpassen. Dieser kleine Vulkan ist mit Wasser gefüllt und belohnt den kurzen Stopp mit seiner vielfältigen Farbenpracht.


    Ein paar Kilometer geht es noch durch die, nüchtern betrachtet, schlichtweg schwarze Landschaft, die dennoch so unbeschreiblich schön, bevor wir nach einem kurzen Abschnitt durchs Lavafeld wieder auf der F206 sind. Ab hier geht es gleichermaßen zurück wie wir gekommen sind. Dass wir nochmal versucht haben, den Hagafoss von der anderen Seite zu erreichen, dabei kläglich gescheitert sind und uns mit der Energie der wilden Blaubeeren die letzten Meter der 5 Kilometer-Wanderung zurück zum Auto geschleppt haben, rundet diesen in der Theorie gut planbaren, in der Praxis allerdings leicht chaotischen Tag sinnbildlich ab.

  • Nun ist unser Trip zwar schon fast 1,5 Jahre her, aber immer noch in den Erinnerungen so präsent, dass ich mir die Zeit genommen habe, die Story zu ende zu schreiben...


    Tag 8


    Heute ist der letzte Tag, an dem uns unsere Cottage im so friedlichen Giljaland als Start- und Endpunkt für einen Ausflug hier im Sueden dient. Nachdem wir in der letzten Woche so ziemlich alles erklettert, erklommen und erfahren haben, was wir vor hatten, haben wir uns heute einen „freien“ Tag verdient. Diesen wollen wir natürlich nicht gänzlich ungenutzt lassen, müssen uns aufgrund des Wetters allerdings etwas in unseren Interessen zurücknehmen. Wie gerne würden wir für uns unbekannte Pisten fahren, den Jeep im Schritttempo durch hüfthohetiefe Flüsse manövrieren oder einfach mal auf namenlose Hügel im Hochland steigen um die atemberaubende Weite einzuatmen-doch zwingt uns eine von Norden kommende Regenfront Richtung Zivilisation. Mit einer Überdosis an Erlebnissen versorgt und leicht zurückgeschraubten Erwartungen sind wir sicher, dass wir auch das überleben werden und treten den Weg zum Reynisfjall an. Unweit der Ringstraße wird das Auto geparkt, denn eine den Weg überspannende Kette ist Zeichen, dass nun ein guter Zeitpunkt wäre die Wanderschuhe zu schnüren. In drei Kehren geht es anfangs nach oben und schnell stoßen die ersten absolvierten Höhenmeter der ansonsten leichten Wanderung auf wenig Begeisterung in den geschundenen Knochen. Immerhin steigt mit jedem Meter, den wir uns vom Meeresspiegel entfernen, die Fantasie, wie doch nur der Ausblick ohne die graue Wolkensuppe über Islands suedlichster Ortschaft wäre. Ich stelle mir vor bis nach Hjörleifshöfði und noch weiter schauen zu können und schaffe es, mich so von dem mittlerweile monoton ansteigenden Weg abzulenken. Nachdem mir die nächsten beiden Kilometer wenig Input für Kreativität bescheren, ziehe ich den Vorhang meines Kopfkinos erstmal zu und laufe einfach. Erst wenige hundert Meter vor den Klippen werfe ich mein Vorstellungsapparat wieder an, um mir die bevorstehende Szenerie der Felsnadeln auszumalen. Just in diesem Moment kommt mein Bewegungszentrum ins Stocken, während Madame gleichmäßig weiter läuft. Ich sehe was, was sie nicht sieht und das ist…eine Vogelscheuche???Eher eine wage Vermutung als ein sinnvoller Gedanke, traue ich es trotzdem auszusprechen. Nun steht auch Madame still und konzentriert da und wir bündeln unsere Blicke in Richtung der Silhouette. Während das Objekt unseres Interesses weiterhin in Starre verharrt, lösen wir uns von unserem Stillstand und nähern uns mit angespannten Pupillen weiter an. Langsam ist deutlich zu erkennen, dass es sich um einen Artgenossen handelt, dessen seltsame Körperhaltung der letzten Minuten uns fast bis zu den Klippen beschäftigt. Als wir das Rätsel gerade ungelöst in die Kategorie „muss-man-nicht-verstehen“ archivieren wollen, sorgen scharenweise Puffins doch noch für die Aufklärung. Aus eins und eins wird zwei, haben wir doch weder mit den sueßen Tierchen hier oben um diese Jahreszeit gerechnet, noch mit einem so leidenschaftlich ausdauernden Digitalkameraknipser. Was mir schon beim Gedanken daran, zitternde Arme, schmerzende Knie und Gleichgewichtsprobleme bescheren würde, hat er tatsächlich geschafft- hockend und mit ausgestreckten Armen minutenlang mit seiner Kompaktkamera auf die Puffins zu zielen-Respekt. Nun war auch unser fotografischer Ehrgeiz geweckt, und wir kullern uns zu den Vögeln ins Gras.



    Mit etwa doppelter Armlänge Abstand brennen wir etliche Fotos auf den Chip, wechseln in aller Ruhe Objektive und erfreuen uns einfach an den gelassenen Kreaturen mit ihren bunten Schnäbeln.



    Erst als mehr und mehr die Reißverschlüsse der Fototaschen in Reihe 2 klimpern und wir unserer Meinung nach zufriedenstellende Ergebnisse mit dem Reisezoom auf den Sensor projeziert haben, treten wir den Rückweg an. Es herrscht Glückseeligkeit. Gekommen um Klippen, Felsnadeln und markant schwarze Strände zu sehen, verlassen wir dieses schmückende Drumherum mit unvergesslichen Eindrücken von dieser unerwarteten Begegnung zwischen Mensch und Tier.


    Es fühlt sich an wie ein Highlight unter den Highlights dieses Islandtrips und sorgt für eine relative Gleichgültigkeit, was der Rest des Tages bringen soll. Der leicht einsetzende Nieselregen tut sein Übriges und so ist es wenig verwunderlich, dass die Armada an Wasserfällen oberhalb des Skogafoss- garniert mit weiteren Höhenmetern, schlammigen Trampelpfaden und dem ein oder anderen Quälgeist- heute eher überfordern als begeistern.



    Fürs Protokoll schießen wir einige durchschnittliche Wasserfallfotos und machen uns dann auf den "Heimweg".

  • Tag 9


    Wir sind kaum aus dem Bett gekrochen, da fragt Madame mich nach dem Wetter. Fast schon selbsterklärend prasselt der Regen seit einigen Stunden auf das Dach der Cottage. Mir ist bewusst, dass diese Frage heute nicht rhetorischer Art ist, nur der Vollständigkeit des Protokolls dient oder einen winzigen Einfluss auf die Anzahl der Zwiebelschichten an ihrem Körper hat. Ob klirrendnasskalte Zwei über Null, mollig warme 15 Grad, Sonne oder Regen oder wie immer ein Cocktail von allem– das interessiert sie heute nicht. Ihre Frage zielt einzig und allein auf die Sturmprognose ab. Ich höre die Besorgnis in ihrer Stimme und weiß, dass der Inhalt meiner Antwort der entscheidende Faktor ist, ob sie der Fährüberfahrt auf die Westmänner-Inseln mutig entgegen blickt oder sich schon vorher ergibt. „20 Meter pro Sekunde-gebucht ist gebucht“, antworte ich in seefester Gelassenheit und merke wie ihre Anspannung nochmals steigt. Ich wünschte ich hätte ihr etwas anderes sagen können, doch kann ich den Wind genau so wenig leugnen wie Sie ihre magenstrapazierenden Erlebnisse auf Glasbodenbooten, Ostseefähren oder sei es nur auf Mohammeds` Delfin-Tour im Ägyptenurlaub. In Anbetracht dieser Erinnerungen fällt ihr das Frühstücken sichtlich schwer. Sie kaut konzentriert, schluckt angestrengt und verdaut hoffentlich gut auf der zweistündigen Fahrt zur Fähre. Je näher wir Landeyjahöfn kommen, desto stärker regnet es und der Sturm peitscht in Böen gegen das Auto. Am Hafen dann waagerechter Regen und eine Windstärke, die beim Öffnen der Autotür vollen Körpereinsatz verlangt. Während das Unheil hier wahrhaftig in unserer Hand liegt, entscheidend zu See nur noch der Wellengang, ob Madame den Schaden hat. Gespannt sitzen wir nach dem Onboarding auf der bequemen Lederbestuhlung und warten ungeduldig auf die Ausfahrt aus dem Hafenbecken. Als es soweit ist, wird der Kahn sanft hin und her geschaukelt. Sofort versucht Madame ihre Sinnesorgane zu überlisten. Ihr Blick klammert sich am Horizont fest und sie schiebt sich zur Ablenkung eine Salzstange nach der nächsten in den Schlund. Obwohl im weiteren Verlauf die Wellen teils kraftvoll gegen die Bordwand platschen, gewinnt sie den Kampf gegen die Zeit. Wir erreichen die ersten Inseln der „Westmänner“ und laufen wenig später in den Hafen ein.


    „Keine fünf Minuten länger…“, bringt sie ihre Freude wieder Land unter den Füßen zu haben fast überschwänglich zum Ausdruck. Im Ernst- es scheint die Atmosphäre hier am Tor zur Insel zu sein, die sie zu dieser Sachlichkeit trimmt. Anstatt mit Willkommensschildern in etlichen Sprachen um die Gunst der Besucher zu ringen, empfangen getürmte Fischkisten und Berge von Fischernetzen jeden Ankommenden. Gehwege dienen eher der Vollständigkeit des Straßenbilds, als dass sie zweckerfüllend wären und spätestens als die handvoll Autos aus der Fähre in drei der vier Himmelsrichtungen geströmt ist, leuchten die Ampeln nur noch alibimäßig. Das zusammen macht es irgendwie friedvoll, lässt es bodenständig wirken und entfaltet unmittelbar Herzerwärmendes in der Gefühlsschatzkiste. Der aufkommende Wohlfühlfaktor wird im Weiteren durch eine äußerst herzliche Begrüßung im Hotel und ein leckeres Essen in einem der Inselrestaurants in die Höhe getrieben. Hier finden wir gefühlt auch alle Touristen der Insel, die sich wohl des miesen Wetters wegen einen kuscheligen Platz zum Verweilen gesucht haben. Auf Dauer ist das nichts für uns und wir suchen stattdessen die Konfrontation mit der Natur. Dazu queren wir einmal die Insel, wo wir uns durch kurzes Aussteigen und Lesen der Infotafel rasch davon überzeugen lassen, dass dieser suedlichste Zipfel wohl als einer der windigsten Orte Islands gilt. Nicht nur stürmisch, sondern schroff und karg noch dazu, stehen die Vorzeichen auf langanhaltenden Zeitvertreib bei unserem nächsten Stopp ebenfalls nicht gut.


    Allerdings lassen wir uns auf einen kleinen Spazierganz in der Piratenbucht ein und werden schon bald überrascht. An diesen mit schaurigen Geschichten umwogenen und lebensfeindlich anmutenden Ort haben wir mit einem am wenigsten gerechnet- erneut das niedliche Sinnbild der isländischen Vogelwelt zu treffen. Im Sekundentakt starten etliche Puffins von der steil ins Meer abfallenden Lavaküste während andere das sichere Ufer erreichen.



    Mit schnell flatternden Flügeln kämpfen sie ums Vorankommen und bieten uns ein beeindruckendes Schauspiel das nicht nur das gestern erstmalig entdeckte ornitologische Interesse weckt, sondern auch den Reiz auslöst die fliegenden Lundis im Bilde einzufrieren.




    Nachdem das vor dem grauen Hintergrund im Rahmen unserer Möglichkeiten ganz gut gelungen ist, treten wir zu mittlerweile voran geschrittener Stunde den Rückweg ins Hotel an.



  • Erstmal vielen Dank für die Lobeshymnen. Auf in die letzte Runde...


    Tag 10


    Wenn man Ruhe als Komfort bezeichnet, haben wir gar fürstlich komfortabel geschlafen. Als wir bereits kurz vor 7 die Äuglein öffnen, sind wir irritiert der Stille der letzten Nacht wegen. Das Fehlen des für Hotels typische Lärmspektrums aus Rollkoffer-Knattern, Dusch-Geprassel und endloses Nachbarzimmer-Gebabbel lässt uns zu der Annahme kommen, dass wir die einzigen Gäste sind. Das mag mitunter daran liegen, dass man das Personal hier tagsüber vergebens sucht, sich aber trotzdem geborgen und bestens umsorgt fühlt. So passt es ins Bild, dass bereits zu dieser frühen Stunde anscheinend nur für uns ein Frühstücksbuffet angerichtet ist, das mit seinen Ausmaßen fast schon ein Schamgefühl in uns auslöst, uns aber reichlich Energie für den heutigen Tag liefert. Denn es soll gleich zum Start heute auf den Eldfell gehen, der Vulkan, der für die Insel nicht nur landschafts- sondern auch geschichtsprägend ist. Eine Geschichte, die beim letzten Ausbruch vor nicht allzu langer Zeit seinen Anfang fand und mit der wir bereits zu Beginn unserer Wanderung konfrontiert werden. Wir stehen in der Heimagata 12- vor uns türmen sich die Ausläufer des Lavastroms von 1973.


    An dieser Stelle illustriert ein in Teilen rekonstruiertes Haus, dass hier das unaufhaltsam fließende Gestein unter sich begrub, was ihm im Weg stand. Am Rande unserer Vorstellungskraft und emotional das erste Mal berührt, lassen wir erstmal sacken ehe wir zum Ursprung dieses unbarmherzigen Naturereignis weitermarschieren. Vorbei am Museum tauchen wir schon wenig später in eine Welt aus blass schwarzen bis schrill bunten Gestein ein. Schlagartig verliert sich die Vegetation an den Hängen des Eldfell und wir uns in den Rundum-Blicken je höher wir kraxeln.


    Standesgemäß mach ich ein Foto hier und da bis ich mich erinnere davon gehört zu haben, dass man an diesem Ort noch die Energie des Ausbruchs von vor über 40 Jahren spüren kann. Dazu nehme man einen Finger oder eine ganze Hand, gräbt im Boden bis man Wärme spürt und steigert sich bei der Suche bis die Fingerkuppen kurz glühen.


    Nach dem Vulkanismus zum Anfassen und einen letzten Blick zur Koordination der weiteren Route beschließen wir nach dem Abstieg eine Runde um den Vulkan zu drehen und das östlich gelegene Lavafeld Páskahraun als Rückweg zu wählen.


    Eine gute Entscheidung-erhöht doch das Gehüpfe von Stein zu Stein, das Durchqueren einer kleinen Lavahöhle und allgemein das Suchen nach der nächsten Wegmarkierung den Unterhaltungsfaktor ungemein.


    Nach kurzer Orientierungslosigkeit zwischen den Hügeln der Motocrossstrecke kommen wir noch obendrein fast bei dem kleinen Garten Gaujulundur raus. Er wirkt wie eine Oase- mit Liebe zur Natur überschüttet - in diesem ansonsten von der Lava verschluckten Land.


    Saftiges Grün von etlichen Pflanzenarten und eine maßstäbliche Bebauung, wovon deutsche Schrebergartenzwerge meistens nur träumen können, machen ihn zum Wohlfühlort für den Moment.


    Dass die Sonne sich genau hier und jetzt das erste Mal seitdem wir Inselboden unter den Füßen haben blicken lässt, ist sinnbildlich aber leider nicht von Dauer. Denn schon als wir diesen sympathischen Ort verlassen, gibt es wieder mal einen Schauer. Dieser bewegt uns etwas zu tun, was wir in Island noch nie taten-einfach mal nichts. Wir ruhen uns aus, trocknen und wärmen durch bevor wir uns dann am Nachmittag auf die Socken zum Eldheimar-Museum machen. Nun haben wir nicht gerade einen Ruf als Museumsfans und auch das Wetter ist so schlecht, dass man es glatt als Vorwand nehmen könnte ins Museum zu gehen- doch ist es heute eine Herzenssache. Wir wollen mehr erfahren über die Geschehnisse und Geschichten, die sich im Ausbruchsjahr auf dieser Insel ereigneten und werden nicht enttäuscht.


    Die multimediale Ausstellung zeigt ungefiltert die Ausmaße der Zerstörung, lässt begreifen wie mächtig und unbarmherzig Naturgewalt sein kann und wie nah Leid und Hoffnung beieinander liegen.

    Wir sind aufgewühlt und brauchen im Anschluss erstmal einen ausgeprägten emotionalen Verdauungsspaziergang auf dem wir den nordwestlichen Teil der Insel grob erkunden. Das leert den Gedankenspeicher, den Akku aber auch, sodass der letzte Punkt auf der Tagesordnung eine reichhaltige Fischsuppe in einem der guten Restaurants der Insel ist.



  • Tag 11/ Abreise


    Abschiedsschmerz2! Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass wir nun die Insel verabschieden müssen, die wir in nur zwei Tagen so liebgewinnen konnten, steht in allem Überfluss heute Nacht noch unser Rückreise nach Deutschland an. Doch wie das eben so ist- „alles hat ein Ende..“ oder „wenn´s am schönsten ist..“. Egal wie man es ausdrücken mag, die Trauer wird nicht weniger dadurch, sie übertüncht allerhöchstens die Angst vor der Fährfahrt. Diese bleibt im Übrigen ruhig wie der gesamte Tag. Wir irren auf der Suche nach einer Wolkenlücke etwas in Südisland rum, kehren fürs Abschiedsessen wie immer ins Kaffi Krús in Selfoss ein und küren den meist gespielten Radiosong. Es war :/-keine Ahnung, er ist im Papierkorb meines Gedächtnis verschwunden. Was bleibt ist ein Berg an unvergesslichen Erinnerungen und Gefühlen sowie selbstverständlich der Plan für ein Wiedersehen ;)