Posts by selterkai

    Hallo Snorre64.

    Diese Einteilung ist überholt.

    Auch dreistellige Strassen wurden mit den Jahren ausgebaut und asphaltiert.

    Die Nummern jedoch nicht geändert.

    So ist die 864 (Hòlsfjallavegur) z.B. asphaltiert.

    Seit wann ist die Straße 864 denn asphaltiert? Muss irgendwie an mir vorbei gegangen sein.

    Ich meinte eine andere Stelle, einen Nebenabstecher quasi. Die Stelle die du markierst hast, war zu meiner Zeit vielleicht 30-40 Zentimeter tief und ohne große Steine im Flussbett. Wenn ich mich recht erinnere, müsste das auch die Stelle sein, wo ein paar kleine Wasserfontänen aus der Wand kommen.

    Hallo Stefan :-)

    Um zur Faxsund aus Richtung Langisjór zu kommen, musst du durch eine relative tiefe Furt kurz vor der Hütte Örk. Diese war damals etwa 60-70 cm tief. Da die Furt die Verbindung zwischen 2 Seen ist, hatte sie zwar keine Strömung, wirkte aber irgendwie unheimlich mit so viel Wasser um einen drum herum. Aber rein technisch gesehen, würde ich sie einem Hilux zutrauen (bezogen auf den Pegel von damals).

    Der Rest der Piste stellt dann eigentlich keine Hürde mehr dar, abgesehen von dem extrem steinigen Untergrund der letzten Kilometer bevor es zurück auf die F208 geht. Zusammengefasst finde ich die Strecke vom Schwierigkeitsgrad vergleichbar mit der Blautulon-Piste, allerdings mit nervigem Gerüttel am Ende und nicht ganz so schön.

    Ich weiß nicht, ob sich deine Frage mit dem Flusstal auf den Abstecher zum See Botnlangalón bezieht? Wenn dem so ist, dann sind die paar hundert Meter Flussfahrt mit einem Hilux als wenn du dich als Schwimmer in das Babybecken verirrst :)

    Tag 11/ Abreise


    Abschiedsschmerz2! Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass wir nun die Insel verabschieden müssen, die wir in nur zwei Tagen so liebgewinnen konnten, steht in allem Überfluss heute Nacht noch unser Rückreise nach Deutschland an. Doch wie das eben so ist- „alles hat ein Ende..“ oder „wenn´s am schönsten ist..“. Egal wie man es ausdrücken mag, die Trauer wird nicht weniger dadurch, sie übertüncht allerhöchstens die Angst vor der Fährfahrt. Diese bleibt im Übrigen ruhig wie der gesamte Tag. Wir irren auf der Suche nach einer Wolkenlücke etwas in Südisland rum, kehren fürs Abschiedsessen wie immer ins Kaffi Krús in Selfoss ein und küren den meist gespielten Radiosong. Es war :/-keine Ahnung, er ist im Papierkorb meines Gedächtnis verschwunden. Was bleibt ist ein Berg an unvergesslichen Erinnerungen und Gefühlen sowie selbstverständlich der Plan für ein Wiedersehen ;)



    Erstmal vielen Dank für die Lobeshymnen. Auf in die letzte Runde...


    Tag 10


    Wenn man Ruhe als Komfort bezeichnet, haben wir gar fürstlich komfortabel geschlafen. Als wir bereits kurz vor 7 die Äuglein öffnen, sind wir irritiert der Stille der letzten Nacht wegen. Das Fehlen des für Hotels typische Lärmspektrums aus Rollkoffer-Knattern, Dusch-Geprassel und endloses Nachbarzimmer-Gebabbel lässt uns zu der Annahme kommen, dass wir die einzigen Gäste sind. Das mag mitunter daran liegen, dass man das Personal hier tagsüber vergebens sucht, sich aber trotzdem geborgen und bestens umsorgt fühlt. So passt es ins Bild, dass bereits zu dieser frühen Stunde anscheinend nur für uns ein Frühstücksbuffet angerichtet ist, das mit seinen Ausmaßen fast schon ein Schamgefühl in uns auslöst, uns aber reichlich Energie für den heutigen Tag liefert. Denn es soll gleich zum Start heute auf den Eldfell gehen, der Vulkan, der für die Insel nicht nur landschafts- sondern auch geschichtsprägend ist. Eine Geschichte, die beim letzten Ausbruch vor nicht allzu langer Zeit seinen Anfang fand und mit der wir bereits zu Beginn unserer Wanderung konfrontiert werden. Wir stehen in der Heimagata 12- vor uns türmen sich die Ausläufer des Lavastroms von 1973.


    An dieser Stelle illustriert ein in Teilen rekonstruiertes Haus, dass hier das unaufhaltsam fließende Gestein unter sich begrub, was ihm im Weg stand. Am Rande unserer Vorstellungskraft und emotional das erste Mal berührt, lassen wir erstmal sacken ehe wir zum Ursprung dieses unbarmherzigen Naturereignis weitermarschieren. Vorbei am Museum tauchen wir schon wenig später in eine Welt aus blass schwarzen bis schrill bunten Gestein ein. Schlagartig verliert sich die Vegetation an den Hängen des Eldfell und wir uns in den Rundum-Blicken je höher wir kraxeln.


    Standesgemäß mach ich ein Foto hier und da bis ich mich erinnere davon gehört zu haben, dass man an diesem Ort noch die Energie des Ausbruchs von vor über 40 Jahren spüren kann. Dazu nehme man einen Finger oder eine ganze Hand, gräbt im Boden bis man Wärme spürt und steigert sich bei der Suche bis die Fingerkuppen kurz glühen.


    Nach dem Vulkanismus zum Anfassen und einen letzten Blick zur Koordination der weiteren Route beschließen wir nach dem Abstieg eine Runde um den Vulkan zu drehen und das östlich gelegene Lavafeld Páskahraun als Rückweg zu wählen.


    Eine gute Entscheidung-erhöht doch das Gehüpfe von Stein zu Stein, das Durchqueren einer kleinen Lavahöhle und allgemein das Suchen nach der nächsten Wegmarkierung den Unterhaltungsfaktor ungemein.


    Nach kurzer Orientierungslosigkeit zwischen den Hügeln der Motocrossstrecke kommen wir noch obendrein fast bei dem kleinen Garten Gaujulundur raus. Er wirkt wie eine Oase- mit Liebe zur Natur überschüttet - in diesem ansonsten von der Lava verschluckten Land.


    Saftiges Grün von etlichen Pflanzenarten und eine maßstäbliche Bebauung, wovon deutsche Schrebergartenzwerge meistens nur träumen können, machen ihn zum Wohlfühlort für den Moment.


    Dass die Sonne sich genau hier und jetzt das erste Mal seitdem wir Inselboden unter den Füßen haben blicken lässt, ist sinnbildlich aber leider nicht von Dauer. Denn schon als wir diesen sympathischen Ort verlassen, gibt es wieder mal einen Schauer. Dieser bewegt uns etwas zu tun, was wir in Island noch nie taten-einfach mal nichts. Wir ruhen uns aus, trocknen und wärmen durch bevor wir uns dann am Nachmittag auf die Socken zum Eldheimar-Museum machen. Nun haben wir nicht gerade einen Ruf als Museumsfans und auch das Wetter ist so schlecht, dass man es glatt als Vorwand nehmen könnte ins Museum zu gehen- doch ist es heute eine Herzenssache. Wir wollen mehr erfahren über die Geschehnisse und Geschichten, die sich im Ausbruchsjahr auf dieser Insel ereigneten und werden nicht enttäuscht.


    Die multimediale Ausstellung zeigt ungefiltert die Ausmaße der Zerstörung, lässt begreifen wie mächtig und unbarmherzig Naturgewalt sein kann und wie nah Leid und Hoffnung beieinander liegen.

    Wir sind aufgewühlt und brauchen im Anschluss erstmal einen ausgeprägten emotionalen Verdauungsspaziergang auf dem wir den nordwestlichen Teil der Insel grob erkunden. Das leert den Gedankenspeicher, den Akku aber auch, sodass der letzte Punkt auf der Tagesordnung eine reichhaltige Fischsuppe in einem der guten Restaurants der Insel ist.

    Tag 9


    Wir sind kaum aus dem Bett gekrochen, da fragt Madame mich nach dem Wetter. Fast schon selbsterklärend prasselt der Regen seit einigen Stunden auf das Dach der Cottage. Mir ist bewusst, dass diese Frage heute nicht rhetorischer Art ist, nur der Vollständigkeit des Protokolls dient oder einen winzigen Einfluss auf die Anzahl der Zwiebelschichten an ihrem Körper hat. Ob klirrendnasskalte Zwei über Null, mollig warme 15 Grad, Sonne oder Regen oder wie immer ein Cocktail von allem– das interessiert sie heute nicht. Ihre Frage zielt einzig und allein auf die Sturmprognose ab. Ich höre die Besorgnis in ihrer Stimme und weiß, dass der Inhalt meiner Antwort der entscheidende Faktor ist, ob sie der Fährüberfahrt auf die Westmänner-Inseln mutig entgegen blickt oder sich schon vorher ergibt. „20 Meter pro Sekunde-gebucht ist gebucht“, antworte ich in seefester Gelassenheit und merke wie ihre Anspannung nochmals steigt. Ich wünschte ich hätte ihr etwas anderes sagen können, doch kann ich den Wind genau so wenig leugnen wie Sie ihre magenstrapazierenden Erlebnisse auf Glasbodenbooten, Ostseefähren oder sei es nur auf Mohammeds` Delfin-Tour im Ägyptenurlaub. In Anbetracht dieser Erinnerungen fällt ihr das Frühstücken sichtlich schwer. Sie kaut konzentriert, schluckt angestrengt und verdaut hoffentlich gut auf der zweistündigen Fahrt zur Fähre. Je näher wir Landeyjahöfn kommen, desto stärker regnet es und der Sturm peitscht in Böen gegen das Auto. Am Hafen dann waagerechter Regen und eine Windstärke, die beim Öffnen der Autotür vollen Körpereinsatz verlangt. Während das Unheil hier wahrhaftig in unserer Hand liegt, entscheidend zu See nur noch der Wellengang, ob Madame den Schaden hat. Gespannt sitzen wir nach dem Onboarding auf der bequemen Lederbestuhlung und warten ungeduldig auf die Ausfahrt aus dem Hafenbecken. Als es soweit ist, wird der Kahn sanft hin und her geschaukelt. Sofort versucht Madame ihre Sinnesorgane zu überlisten. Ihr Blick klammert sich am Horizont fest und sie schiebt sich zur Ablenkung eine Salzstange nach der nächsten in den Schlund. Obwohl im weiteren Verlauf die Wellen teils kraftvoll gegen die Bordwand platschen, gewinnt sie den Kampf gegen die Zeit. Wir erreichen die ersten Inseln der „Westmänner“ und laufen wenig später in den Hafen ein.


    „Keine fünf Minuten länger…“, bringt sie ihre Freude wieder Land unter den Füßen zu haben fast überschwänglich zum Ausdruck. Im Ernst- es scheint die Atmosphäre hier am Tor zur Insel zu sein, die sie zu dieser Sachlichkeit trimmt. Anstatt mit Willkommensschildern in etlichen Sprachen um die Gunst der Besucher zu ringen, empfangen getürmte Fischkisten und Berge von Fischernetzen jeden Ankommenden. Gehwege dienen eher der Vollständigkeit des Straßenbilds, als dass sie zweckerfüllend wären und spätestens als die handvoll Autos aus der Fähre in drei der vier Himmelsrichtungen geströmt ist, leuchten die Ampeln nur noch alibimäßig. Das zusammen macht es irgendwie friedvoll, lässt es bodenständig wirken und entfaltet unmittelbar Herzerwärmendes in der Gefühlsschatzkiste. Der aufkommende Wohlfühlfaktor wird im Weiteren durch eine äußerst herzliche Begrüßung im Hotel und ein leckeres Essen in einem der Inselrestaurants in die Höhe getrieben. Hier finden wir gefühlt auch alle Touristen der Insel, die sich wohl des miesen Wetters wegen einen kuscheligen Platz zum Verweilen gesucht haben. Auf Dauer ist das nichts für uns und wir suchen stattdessen die Konfrontation mit der Natur. Dazu queren wir einmal die Insel, wo wir uns durch kurzes Aussteigen und Lesen der Infotafel rasch davon überzeugen lassen, dass dieser suedlichste Zipfel wohl als einer der windigsten Orte Islands gilt. Nicht nur stürmisch, sondern schroff und karg noch dazu, stehen die Vorzeichen auf langanhaltenden Zeitvertreib bei unserem nächsten Stopp ebenfalls nicht gut.


    Allerdings lassen wir uns auf einen kleinen Spazierganz in der Piratenbucht ein und werden schon bald überrascht. An diesen mit schaurigen Geschichten umwogenen und lebensfeindlich anmutenden Ort haben wir mit einem am wenigsten gerechnet- erneut das niedliche Sinnbild der isländischen Vogelwelt zu treffen. Im Sekundentakt starten etliche Puffins von der steil ins Meer abfallenden Lavaküste während andere das sichere Ufer erreichen.



    Mit schnell flatternden Flügeln kämpfen sie ums Vorankommen und bieten uns ein beeindruckendes Schauspiel das nicht nur das gestern erstmalig entdeckte ornitologische Interesse weckt, sondern auch den Reiz auslöst die fliegenden Lundis im Bilde einzufrieren.




    Nachdem das vor dem grauen Hintergrund im Rahmen unserer Möglichkeiten ganz gut gelungen ist, treten wir zu mittlerweile voran geschrittener Stunde den Rückweg ins Hotel an.

    Nun ist unser Trip zwar schon fast 1,5 Jahre her, aber immer noch in den Erinnerungen so präsent, dass ich mir die Zeit genommen habe, die Story zu ende zu schreiben...


    Tag 8


    Heute ist der letzte Tag, an dem uns unsere Cottage im so friedlichen Giljaland als Start- und Endpunkt für einen Ausflug hier im Sueden dient. Nachdem wir in der letzten Woche so ziemlich alles erklettert, erklommen und erfahren haben, was wir vor hatten, haben wir uns heute einen „freien“ Tag verdient. Diesen wollen wir natürlich nicht gänzlich ungenutzt lassen, müssen uns aufgrund des Wetters allerdings etwas in unseren Interessen zurücknehmen. Wie gerne würden wir für uns unbekannte Pisten fahren, den Jeep im Schritttempo durch hüfthohetiefe Flüsse manövrieren oder einfach mal auf namenlose Hügel im Hochland steigen um die atemberaubende Weite einzuatmen-doch zwingt uns eine von Norden kommende Regenfront Richtung Zivilisation. Mit einer Überdosis an Erlebnissen versorgt und leicht zurückgeschraubten Erwartungen sind wir sicher, dass wir auch das überleben werden und treten den Weg zum Reynisfjall an. Unweit der Ringstraße wird das Auto geparkt, denn eine den Weg überspannende Kette ist Zeichen, dass nun ein guter Zeitpunkt wäre die Wanderschuhe zu schnüren. In drei Kehren geht es anfangs nach oben und schnell stoßen die ersten absolvierten Höhenmeter der ansonsten leichten Wanderung auf wenig Begeisterung in den geschundenen Knochen. Immerhin steigt mit jedem Meter, den wir uns vom Meeresspiegel entfernen, die Fantasie, wie doch nur der Ausblick ohne die graue Wolkensuppe über Islands suedlichster Ortschaft wäre. Ich stelle mir vor bis nach Hjörleifshöfði und noch weiter schauen zu können und schaffe es, mich so von dem mittlerweile monoton ansteigenden Weg abzulenken. Nachdem mir die nächsten beiden Kilometer wenig Input für Kreativität bescheren, ziehe ich den Vorhang meines Kopfkinos erstmal zu und laufe einfach. Erst wenige hundert Meter vor den Klippen werfe ich mein Vorstellungsapparat wieder an, um mir die bevorstehende Szenerie der Felsnadeln auszumalen. Just in diesem Moment kommt mein Bewegungszentrum ins Stocken, während Madame gleichmäßig weiter läuft. Ich sehe was, was sie nicht sieht und das ist…eine Vogelscheuche???Eher eine wage Vermutung als ein sinnvoller Gedanke, traue ich es trotzdem auszusprechen. Nun steht auch Madame still und konzentriert da und wir bündeln unsere Blicke in Richtung der Silhouette. Während das Objekt unseres Interesses weiterhin in Starre verharrt, lösen wir uns von unserem Stillstand und nähern uns mit angespannten Pupillen weiter an. Langsam ist deutlich zu erkennen, dass es sich um einen Artgenossen handelt, dessen seltsame Körperhaltung der letzten Minuten uns fast bis zu den Klippen beschäftigt. Als wir das Rätsel gerade ungelöst in die Kategorie „muss-man-nicht-verstehen“ archivieren wollen, sorgen scharenweise Puffins doch noch für die Aufklärung. Aus eins und eins wird zwei, haben wir doch weder mit den sueßen Tierchen hier oben um diese Jahreszeit gerechnet, noch mit einem so leidenschaftlich ausdauernden Digitalkameraknipser. Was mir schon beim Gedanken daran, zitternde Arme, schmerzende Knie und Gleichgewichtsprobleme bescheren würde, hat er tatsächlich geschafft- hockend und mit ausgestreckten Armen minutenlang mit seiner Kompaktkamera auf die Puffins zu zielen-Respekt. Nun war auch unser fotografischer Ehrgeiz geweckt, und wir kullern uns zu den Vögeln ins Gras.



    Mit etwa doppelter Armlänge Abstand brennen wir etliche Fotos auf den Chip, wechseln in aller Ruhe Objektive und erfreuen uns einfach an den gelassenen Kreaturen mit ihren bunten Schnäbeln.



    Erst als mehr und mehr die Reißverschlüsse der Fototaschen in Reihe 2 klimpern und wir unserer Meinung nach zufriedenstellende Ergebnisse mit dem Reisezoom auf den Sensor projeziert haben, treten wir den Rückweg an. Es herrscht Glückseeligkeit. Gekommen um Klippen, Felsnadeln und markant schwarze Strände zu sehen, verlassen wir dieses schmückende Drumherum mit unvergesslichen Eindrücken von dieser unerwarteten Begegnung zwischen Mensch und Tier.


    Es fühlt sich an wie ein Highlight unter den Highlights dieses Islandtrips und sorgt für eine relative Gleichgültigkeit, was der Rest des Tages bringen soll. Der leicht einsetzende Nieselregen tut sein Übriges und so ist es wenig verwunderlich, dass die Armada an Wasserfällen oberhalb des Skogafoss- garniert mit weiteren Höhenmetern, schlammigen Trampelpfaden und dem ein oder anderen Quälgeist- heute eher überfordern als begeistern.



    Fürs Protokoll schießen wir einige durchschnittliche Wasserfallfotos und machen uns dann auf den "Heimweg".

    Eine schöne Tour für Wasserscheue ist sicher auch vom Skorradalsvatn über die F508, 52, F338, F337 nach Laugarvatn. Ebenfalls würde mir spontan die F235 zum Langisjór einfallen.

    Tag 7


    Wir starten mit einem Hauch Wehmut in den Tag, denn über die Hälfte unserer Zeit auf der Insel ist nun schon vorüber. Doch ein Blick auf den Zwischenbericht zeigt, dass das Glas nicht halbleer sondern halbvoll ist: Nach erfolgreichen Marathonwochenende, dem Haifoss aus neuer Perspektive folgten unter anderem ein atemberaubender Ausblick vom Sveinistindur über den Langisjór sowie das noch nicht ganz verarbeitete Erlebnis von gestern. Gegenüber diesen Tagen mit nicht unerheblichem Unsicherheitsfaktor im Vorfeld, klingt unser heutiges Vorhaben schon fast langweilig. Wir fahren zu den Laki-Kratern, wollen dabei sogar nummerierte Straßen und die Annehmlichkeiten von ausgewiesenen Wanderwegen nutzen. Also ziehen wir wieder Richtung Kirkju los, wo wir zunächst einmal den für uns unbekannten Stjornarfoss in Augenschein nehmen. Sein glasklares Wasser, plätschert heute nur sparsam über den breiten runden Felsvorsprung hinab, wodurch wir den gewissen WoW-Effekt vermissen.


    Diesen erhoffen wir uns gleich vom nächsten Wasserfall namens Hagafoss. Nicht ganz so komfortabel erreichbar, liegt dieser etwa drei Kilometer Fußmarsch von der Farm Mörtunga entfernt. Bei diesem Traumwetter ein Klax, wäre da nicht das Selbstverständnis fremden Grund und Boden zu achten. Ein geschlossenes Torweg an der Farm und der Mangel an möglichen Small-talk-partnern, die man höflich um einen Passierschein fragen könnte, lassen uns umdrehen und nun Richtung Laki ziehen. Einen bisschen enttäuscht sind wir schon, haben aber schon einen neuen Hoffnungsträger im Visier. Der Fagrifoss liegt ohnehin auf dem Weg und scheint so zum Greifen nah. Dieser Annahme sind wir jedenfalls solange bis uns plötzlich auf der F206 ein schriller Piepton aus dem Armaturenbrett des Jeeps entgegenweht. Der Tatsache geschuldet, dass unser Gefährt bisher nicht gerade mit Sparsamkeit an Warntönen aller Art glänzt, kommt erstmal keine große Hektik auf. Ein leuchtendes Reifensymbol zum lauten Aufschrei der Bordelektronik ist allerdings ein Novum und ergibt zusammen mit dem scharfkantigen Untergrund eine beunruhigende Logik. Ein lautes Zischen nach dem Türöffnen bestätigt dann die Befürchtung – wir haben einen Platten.


    Bevor ich irgendwas mache, übertrage ich wie in jeder brenzlichen Situation zuvor meinen Optimismus erstmal auf Madame und versichere ihr, dass es bald weitergeht. Alles was wir dafür brauchen haben wir dabei, lediglich die Frage ob ich die Radmuttern demontiert bekomme, liegt nur bedingt in meiner Hand. Sind diese von einem echten Wikinger festgezogen worden, haben wir zarten Pflänzchen verloren. Mit einem lauten Knacken bekomme ich die erste Mutter gelöst und unter leichten Jubel folgen die restlichen vier. Nun noch mit gemeinsamer Kraft das schwere Rad auf die Achse gewuchtet und schon ist unser Boxenstopp vorbei ohne dass uns jemand überholt hat. :)Gewohnte Einsamkeit, die angesichts des eben Geschehenen leicht nachdenklich macht, kurz darauf am Fagrifoss jedoch wieder sehr willkommen ist. So genießt`s sich doch am schönsten, vorallem wenn das Objekt der Begierde so bezaubernd wie dieser sanft fallende Wasserfall ist.


    Wieder einmal stecken wir im Dilemma zwischen „gehen“ und „stehen“ und nehmen einen herantrudelnden mittelgroßen Bus als Signal weiter zu ziehen. Viele Leute in unserer Nähe, das kennen wir nur noch von der Supermarktkasse und würden dem Fahrer und seiner Horde die Aussichtsplattform gerne überlassen. Die Reisegemeinschaft zieht es allerdings vor den direkten Weg zu den Laki-Kratern zu nehmen und so für uns zu einem stetig größeren Ärgernis zu werden. Schnell laufen wir auf den Bus auf und stecken fest. Das Tempo kaum schneller als ich beim letzten Anstieg des Halbmarathons und ein Fahrer, der wohl mit weniger Nächstenliebe gesegnet ist als Unsereins, lassen uns verzweifeln. Nachdem er die besten Möglichkeiten auslässt uns vorbei zulassen, wir den Glauben an ihn gänzlich verloren haben, lassen wir uns zurückfallen um wenigstens die Atemwege zu schonen. Mehr als 30 Kilometer schauen wir in die karge Landschaft als doch das Wunder passiert und der Bus noch an den Rand fährt…zwecks Fotostopp. Wir sind heilfroh obwohl wir 2 Kilometer später bereits auf dem Parkplatz an den Kratern stehen. Dort erklärt uns die Rangerin noch kurz die Gegebenheiten und die Nationalparkregeln, bevor wir auf den Gipfel des Laki wandern. Mit schweren Beinen oben angekommen, erhalten wir trotz leichten Zwielicht einen guten Eindruck über die Dimensionen der etwa 25 Kilometer langen Kraterreihe.


    Wir fangen alles im Bilde ein und machen uns dann an den Abstieg, der wie jede bergab-Passage angesichts Madame`s Gleichgewichtsstörungsinn ein Highlight an sich ist. Es könnte das Letzte für heute sein, denn am Auto angelangt steht eigentlich nur noch der Rückweg an. Was für eine Untertreibung: mit atemberaubenden Fernblick auf die Gipfelketten jenseits der Skaftá treibt es uns durch eine bizarre Aschewüste, die gelegentlich mit leuchtend grünen Quellmoos geschmückt ist. Ein Hauch von Schwerelosigkeit weht über den losen Untergrund und lässt uns fast den Tjarnagigur verpassen. Dieser kleine Vulkan ist mit Wasser gefüllt und belohnt den kurzen Stopp mit seiner vielfältigen Farbenpracht.


    Ein paar Kilometer geht es noch durch die, nüchtern betrachtet, schlichtweg schwarze Landschaft, die dennoch so unbeschreiblich schön, bevor wir nach einem kurzen Abschnitt durchs Lavafeld wieder auf der F206 sind. Ab hier geht es gleichermaßen zurück wie wir gekommen sind. Dass wir nochmal versucht haben, den Hagafoss von der anderen Seite zu erreichen, dabei kläglich gescheitert sind und uns mit der Energie der wilden Blaubeeren die letzten Meter der 5 Kilometer-Wanderung zurück zum Auto geschleppt haben, rundet diesen in der Theorie gut planbaren, in der Praxis allerdings leicht chaotischen Tag sinnbildlich ab.

    Weiter geht´s-heute in Überlänge..


    Tag 6


    Der Morgen beginnt wie die der letzten Tage. Wir sitzen am Frühstückstisch und essen isländische Klassiker wie Rúgbrauð, Tomaten und Gurke aus dem geothermalen Gewächshaus , dazu die wohl teuerste Salami unseres Lebens. Noch ein Skyr mit frischen Obst zum Nachtisch und dann kommt von Madame die schon fast obligatorische Frage. Auf ein „wo fahren wir denn heute hin?“, folgt nach meiner Antwort wieder mal ein: „und sind wir da alleine?“. Dies kann ich heute noch überzeugter bejahen als die Tage zuvor. Das Ziel sind zwei Wasserfälle, wenig bekannt, dafür sehr besonders, denn sie besitzen unterschiedliche Farben und stürzen in ein gemeinsames Becken. Die Rede ist vom Núpsár- und vom Hvitárfoss, etwa 12 Kilometer abseits der Ringstraße gelegen. Allerdings ist fraglich ob wir es angesichts des wohl beschwerlichen Wegs dorthin schaffen. Versuch macht klug und wir verlassen wieder pünktlich um 9 unsere Basis.


    Am Abzweig zur Ringstraße biegen wir links ab und nehmen Kurs auf den Ort mit dem wohl zungenbrecherischsten Ortsnamen Islands- Kirkju…ur! Nach einem kurzen Tankstopp geht es bis zur westlichsten Brücke im Skeidarsandur weiter. Hier ist die Núpsár überspannt, jener Fluss, den wir später erst furten müssen, bevor dessen Lauf uns den Weg zu den Wasserfällen weist. Mit gemischten Gefühlen verlassen wir die Ringstraße, einerseits froh Schotter unter die Räder zu bekommen, andererseits nervös, was nun auf uns wartet. Es ist zunächst ein üppiges Geflecht an Wegen, was sich später zu einem Einzigen bündelt, der sich dann letztendlich in einem Meer aus Felsbrocken verliert.


    Das lässt Madame jetzt schon ans Scheitern denken, ich allerdings lege jetzt alle Hebel in unserem Jeep in Bewegung. Mein „wir-schaffen-das“-Geist ist geweckt und ich suche die Flucht nach vorne. Folglich ändere ich den Kurs Richtung Fluss, weil es ohnehin besser zum Verlauf der gestrichelten Linie auf der Karte passt. Nach wenigen Minuten im Kriechgang stehen wir am Ufer und sind einen kräftiger Steinwurf weit von der anderen Seite getrennt. Fünfzig Meter kühles Nass, das zwischen uns und der Hoffnung liegt, dass es drüben besser wird, fünfzig Meter die über das Gelingen unseres Vorhabens entscheiden. Es wäre allerdings auch eine Fahrt durch einen Fluss, den wir nicht kennen, nicht recherchieren konnten und auch nicht einzuschätzen wissen. Die Zeit ist also reif sich einiger Klamotten zu entledigen und in die Neopren-Surf-Schuhe zu schlüpfen, die ich mir nach den frostigen Erfahrungen des Vorjahres besorgt habe. Gespannt ob´s was bringt, setze ich die Füße in die klare Brühe. Doch bevor Zeit ist über solche Luxusprobleme bei diesen sommerlichen Temperaturen nachzudenken, stecke ich in ganz anderer Not.


    Ich ringe nach Halt, wackel gestützt auf den Wanderstock hin und her und kann gerade noch abwenden gleich baden zu gehen. Nach diesem Warnschuss taste ich mich ganz vorsichtig doch ohne weitere Wackler in beide Richtungen durch den Fluss. Madame ist die Freude über meine Unversehrtheit ins Gesicht geschrieben und auch ich bin erleichtert. Da weder der Pegelstand an meinem Bein je bedrohlich war, noch das Wanderstock-Sonar größere Brocken unter der Wasserlinie detektiert hat, steht einer Querung mit dem ganzen Gefolge nichts im Wege. Schnell umgezogen, das Mädel eingepackt, bevor wir uns ganz relaxt von der Kraft der vier Räder durch das glitzernde Wasser ziehen lassen.


    Nach einer weiteren kurzen Materialschlacht am anderen Ufer geht unser Plan letztendlich auf. Wir finden einen Weg, der uns zügig und hindernisfrei durch den Sander bringt. Als das Tal enger wird, die Núpsá sich von einem Rand zum anderen schlängelt, wird das Auto geparkt.


    Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter-erst gebückt wie Quasimodo durch einen engen Pfad im Zwergenbirkenwald, dann weglos durchs Flussbett, bevor wir letztendlich vor der Felswand stehen, die ich in den letzten Monaten immer mal als Motivation nahm den einen oder anderen Liegestütz zu machen. Während ein Kletterer über die knapp 10 Meter hohe, nahezu senkrechte Wand nur müde lächeln würde, ist unsere einzige Chance eine dicke Eisenkette.


    Damit kennen wir uns aus, sind wir doch 2014 wie ein paar nasse Säcke an einer ähnlichen Kletterhilfe an der Paradisarhellir kläglich gescheitert. Dieses Ereignis hängt uns nach, wodurch ich heute schneller mit einer Hand am Eisen und der anderen im Gestein bin als mir selber Zweifel über ein ähnliches Scheitern aufkommen könnten. Ich habe Respekt, doch keine Angst und merke glücklicherweise beim ersten Tritt mit der globigen Schuhspitze in den Fels, dass ich es nach oben schaffe werde. Dieser schnelle Erfolg soll auch meine ängstlichere Hälfte motivieren, die kurz nach dem ich oben bin mit der Klettereinlage beginnt. Das untere steile Stück ist schnell geschafft, doch oben, wo es die letzten Meter ohne Kette und in allen Ebenen gekrümmt am Fels lang geht, macht ihr stark zu schaffen.


    Ich kann kaum hinsehen und wünschte mir einen zwei Meter langen Go-Go-Gadget-Arm um ihr zu helfen. Sie schafft es auch ohne, zwar stark verunsichert - wie ich allein vom Zugucken - aber sie ist erstmal oben. Diese Verunsicherung legt sich auf den letzten Metern zu den Wasserfällen nicht, sodass unsere Gefühle beim Anblick der zwei stürzenden Wassermassen genauso gemischt sind wie das Wasser nach der Vereinigung der beiden Flüsse.


    Mit noch mehr Höhenangst als sonst mache ich Fotos, doch irgendwie wird das Knipsen zur Nebensache. Wie so oft im Gefühl vereint, sind wir beide schon beim unumgänglichen Rückweg. Da es keinen anderen Weg gibt, braucht es einen Plan. Diesen gibt ausnahmsweise Madame vor. Ich soll vorgehen, knapp unter ihr klettern und ihr Feedback über die Beschaffenheit der Wand geben. Ihr Wunsch ist mir Befehl, auch wenn mir bewusst ist, dass bei einem Fehltritt von ihr, das für beide kein gutes Ende nimmt. Meine Einschätzungen und meine Nähe geben ihr Sicherheit, sodass wir es heil herunter schaffen. Wir sind uns einig, dass das eigentlich über unseren Möglichkeiten war, dass wir froh sind noch unter den Lebenden zu sein. Folglich genießen wir den restlichen Rückweg mit neuer Wertschöpfung, sei es gebückt an harzenden Birken vorbei oder gut durchgeschüttelt im Jeep. Erst als wir schon zurück auf der Ringstraße- wenige Kilometer hinter dem Gehöft Núpsstaður- sind, finden wir Ablenkung. Hier wandern wir einige hundert Meter an der Djúpá entlang, wo wir einen Wasserfall finden, der uns doch im Kleinen an den Dettifoss erinnert.


    Das wirkt wie Beruhigungsbalsam für die Seele, verbinden wir doch mit dem großen „stürzenden Wasserfall“ im Norden Islands schöne Erinnerungen. So besänftig können wir den Tag beenden und werden uns wohl für immer an diese Wand, die schlotternden Knien und die zitterigen Arme erinnern.

    Ach ja, wir sind übrigens mit einem Mercedes G und einem Porsche Cayenne - beide mit AT Bereifung - unterwegs und sollten damit die ein oder andere Unwegsamkeit meistern können.


    Viele Grüße,

    Klaus


    Hat einer von euch Flugangst oder warum wollt ihr die Fähre nehmen? Für eine Woche steht da Aufwand (Zeit und Kosten) und Nutzen nicht im Verhältnis, zumal ihr Strecken fahren wollt, die mit jedem Dacia Duster Mietwagen möglich sind. Oder wollt ihr später sagen können, dass euer Porsche schon mal in Island war?:nummer1:

    Was ich noch sagen wollte:


    Danke, Danke und nochmals Danke für eure Komplimente.

    Und auch Danke für die zwischenzeitliche Verteidigung meines Threads gegen die Eindringlingetotlach


    P.S: Nächste Woche nehme ich euch wieder mit auf das nächste Abenteuer. Diesmal nicht so mainstreamigwikinger2

    Tag 5


    Ich zieh den Vorhang auf für Tag Nr.5 und werde von klarem Himmel empfangen. Beste Voraussetzungen heute auf Altbekannte zu treffen. Seit wir im vorherigen Jahr auf einer aufregenden Tagestour am Langisjór waren, stand fest, dass wir diese Destination nicht zum letzten Mal angefahren haben. Der Blick von oben auf den See ist einer der Momente, der sich so fest ins Gedächtnis Herz eingemeißelt hat, dass es einer Wiederholung vielleicht gar einer Steigerung bedarf. Diese könnte die Besteigung des Sveinstindur sein, von dessen Gipfel man den See von oben in seiner gesamten Längsachse bestaunen kann. Eine Ansicht auf die wir im letzten Jahr aufgrund starker Winde noch verzichten mussten. Ebenfalls Nachholbedarf herrscht bei unserem ersten Ziel für heute- dem Ófaerufoss in der Feuerspalte Eldgjá. Nachdem wir diesen bereits per hohen Zoomfaktor im Vorjahr kennengelernt haben, nehmen wir nun den Marsch zum Fuße des Wasserfalls auf uns. Wir checken schnell noch den Wetterbericht des Rangers und machen uns auf den etwa zwei Kilometer langen gut präparierten Weg.


    Dabei geht es in dem malerischen Tal immer am Fluss entlang. Verlaufen also unmöglich, daneben benehmen allerdings schon, was einer der wenigen Touristen hier beweist, indem er unterhalb des Wasserfalls an einem abgesperrten Hang herumklettert. Wohlmöglich hat er übersehen, dass einige Meter neben ihm der Weg zu einer perfekt positionierten Plattform führt, von der man keinen besseren Blick auf den Wasserfall haben kann.


    Wahrlich ein Ort zum Verweilen, den wir- für uns verhältnismäßig lang- zu nutzen wissen. Irgendwann geht es dann aber doch weiter, erst zurück zum Auto und dann auf die Piste F235. Hier ist das Grün grüner, das Schwarz schwärzer und sogar das Fahrverhalten unserer puristischen Allrad-Ikone schöner.


    So kommt es nicht überraschend, dass sich in mir das Gefühl breit macht, endgültig angekommen zu sein, angekommen auf dieser Insel, wo Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Wie im Trance führe ich unseren Jeep durch gefühlvoll geschwungene Kurven, ehe die Fahrt auf weichem Untergrund an der Nordflanke des Sveinistindur endet. Es ist sonnig, der Wind säuselt nur leicht und wir sind guter Kräfte für den knapp zwei Kilometer langen Spaziergang. Ein Vergnügen wird es trotzdem nicht - sind wir uns sicher - denn schließlich liegen 400 Höhenmeter zwischen uns und dem Gipfel. „Wer Ausblick haben will, muss leiden“, also rein in den Berg. Was anfangs komfortabel an einem breiten Hang mit moderater Steigung beginnt, wird zunehmend herausfordernder. Der Weg wird steiler, der Untergrund halsbrecherischer und die Sicht nach unten schwindelerregender. Kein Wunder, denn es geht bald nur noch über einen schmalen Grat nach oben. Wir bleiben öfter stehen, genießen die bereits gute Aussicht und versuchen nicht drüber nachzudenken, wie weit man bei einem Fehltritt in die falsche Richtung kullern würde.


    Es heißt also die Konzentration zu wahren, jeden Schritt zu kontrollieren und trotz nachlassender Kondition die Körperspannung zu halten. Wir sind sehr ruhig, lediglich der Countdown der verbleibenden Höhenmeter und ein gelegentliches „Kannst`e noch?“ halten unsere Kommunikation aufrecht. Als wir dann auf das von Westen kommende Grat treffen, gehen uns gar die letzten Worte verloren. Wurden wir bisher mit jedem Höhenmeter mit einem noch besseren Ausblick auf dasselbe Motiv entschädigt, wechselt die Szene von jetzt auf gleich. Nachdem ich zunächst zur gut verstauten Kamera greife, um später die Bilder für uns sprechen zu lassen, bemühe ich dann doch noch mein Sprachzentrum und erkläre Madame, was wir sehen.


    Zu unseren Füßen liegt die Skaftá, dahinter die Lakikrater und zu unserer Linken natürlich der Vatnajökull. Dieser Anblick gibt uns Motivation für die letzten Meter. Diese ist sehr willkommen, beginnt doch nun der schwerste Teil. Einer Treppe gleich nur ohne Stufen, geht es auf groben losen Gestein nahezu senkrecht nach oben. Das geht auch an mir nicht spurlos vorbei und so bin ich froh bald darauf oben zu sein, wo wir uns windgeschützt hinter einem großen Stein erstmal setzen müssen. Während wir uns geistig sammeln und sich die weichen Knie erstmal stabilisieren, genießen wir überglücklich das Panorama. Es hält uns nicht allzu lang auf unserem Allerwertesten, sodass wir uns schon bald dem Fotografieren widmen.


    Als wir genug Stoff fürs Fotobuch gesammelt haben, stehen wir wie so oft vor einem schweren Abschied und treten den Rückweg an. Mit ein paar Abzügen in der Haltungsnote aber ohne größere Komplikationen purzeln die Höhenmeter.



    Wir sind so ziemlich am Ende unserer Kräfte und dementsprechend ist die Freude groß unseren leuchtenden Jeep zu sehen.




    Schnell noch den letzten Hang runter gesurft, dabei die Schuhe nochmal ordentlich eingesaut und schon ist die Mission vollendet, der Tag allerdings noch nicht zu Ende. Wir raffen uns nochmal auf und steuern eine Schlucht an durch die der Lónakvisl donnert. Schon der Weg dorthin ist lohnenswert. Durch weichen Sand, die ein oder andere tiefe Furt oder auch mal einen Fluss als Straße geht es zum Botnlangalón. Von hier aus balancieren wir mal wieder über einen Weg, der kaum breiter ist als unsere kleinen Füßchen und erreichen die engste Stelle der Schlucht.


    Wir bewundern noch ein bisschen, was die Natur geschaffen hat, finden noch einen kleinen Wasserfall und treten dann den zweistündigen Heimweg an. Dort dann noch schnell die Schuhe poliert und dann ab ins Bettchen.


    Tag 4

    Zählt man den Anreisetag mit, ist heute schon der vierte Tag. Dennoch habe ich am Frühstückstisch erneut das Gefühl, dass es jetzt erst richtig losgeht. Das liegt wohl daran, dass wir unsere vertraute Cottage aus dem Vorjahr bezogen haben und von hier aus nun täglich in unsere kleinen Abenteuer starten. Wir wollen in den nächsten fünf Tagen dort anknüpfen wo wir letzten Sommer aufgehört haben, wollen Neues entdecken und Altbekanntes neu erleben. Viele Optionen also, die ich nun auf die einzelnen Tage aufzuteilen versuche. Dazu nehme ich etwas pseudomäßig den Wetterbericht zur Hilfe. „Morgen sonnig bis heiter- ab zum Langisjór, heute bewölkt- auf nach Þakgil“ lautet die Formel vorerst. Dort wollen wir hinauf zum Höfdabrekkujökull, was uns im letzten Jahr gerade wegen der tief hängenden Wolken verwehrt blieb. Lange Rede- kurzer Sinn, im großen Gang nehmen wir die Ringstraße bis zum Abzweig der Straße 214. Diese Straße mit ihren teils weiten Aussichten auf den Sander, bringt uns Richtung Norden.


    Etwa drei Kilometer vorm Campingplatz biegen wir rechts ab, um die nicht gänzlich unbekannten Frostringe am Hang eines Berges anzugucken.


    Der Himmel ist grau, das Licht ist schlecht und so sind wir ausnahmsweise nur mittelschwer beeindruckt. Gelohnt hat sich der Weg allemal, denn wir entdecken ein Schild mit der Aufschrift „Remundargil“. Da mein Isländisch gerade noch so weit reicht um zu verstehen, dass es sich um eine Schlucht handeln muss, sind wir nicht abgeneigt eine Entdeckungstour zu starten. Etwa eine viertel Stunde laufen wir zwischen steilen grünen Hängen um am Ende der Sackgasse einen prächtigen Wasserfall vorzufinden.


    Dieser führt zwar kaum mehr Wasser, als wenn ich zuhause den Wasserhahn öffne, in Kombination mit seiner Fallhöhe gibt er ein imposantes Gesamtbild ab.



    Anschließend geht es über das farbenreiche Geröll mit den schicken Mustern zurück zum Auto um dann die Herausforderung des heutigen Tages unter die Räder zu nehmen. Dies ist der Weg zum Gletscher, der sich anfangs in engen Kehren den Berg hochwindet. Immer hart am maximalen Lenkeinschlag schrauben wir uns Meter um Meter nach oben. Allmählich erarbeiten wir uns eine grandiose Draufsicht des Campingplatzes, die wir allerdings nicht recht genießen können. Während für Madame der Höhenunterschied etwas zu groß ist, bin ich selber auf den Untergrund fixiert. Dieser wird nun zunehmend abenteuerlicher.


    Zwar geht es über griffige Steinplatten, jedoch sind diese von Mutter Natur nicht gänzlich absatzfrei verlegt, sodass meine Co-Pilotin mir auf einigen Metern Feedback von außen über die verbleibende Bodenfreiheit geben muss. „ Sicher ist sicher“ lautet auch das Motto der nun kommenden Passage. Der Bodenbelag wechselt von Stein zu Erde und über die gesamte Wegbreite erstrecken sich tiefe Furchen, deren Matschepampefüllung nur darauf wartet, uns in Empfang zu nehmen.


    Bei einer kurzen Ortsbegehung erkläre ich Madame wo ich linkes und rechtes Rad genau hinhaben möchte und so zirkulieren wir uns in Teamarbeit zwischen den Furchen durch. Langsam aber sicher sind wir mittlerweile auf dem Hochplateau angekommen und bewegen uns zunehmend über die Hinterlassenschaften des Gletschers. Dies bedeutet nicht nur Abstriche beim Fahrkomfort sondern ist visuell auch nicht mehr so reizvoll wie die schwarz-grüne Landschaft weiter unten. Als der Weg kaum noch erkennbar und die Geschwindigkeit nicht mehr messbar ist, entscheiden wir uns auf Fußbetrieb umzustellen. Nach einem kurzen Orientierungsmarsch über das lose Geröll landen wir an der steil abfallenden Flanke dieses Gebirgszugs. Wir schauen auf die nördlichen Ausläufer des Höfdabrekkujökull und lassen unseren Blick gen Hochland schweifen.


    Einzig allein die tief hängenden Wolken begrenzen die schier unendliche Weite. Nach kurzem Kampf mit meiner doch nicht vernachlässigbaren Höhenangst und einigen Aufnahmen vom Panorama folgen wir der Bergkante einige hundert Meter nach Westen. Hier stoßen wir auf eine hufeisenförmige Schlucht, die einst bis zum Rand mit Gletschereis befüllt war.


    Das macht nachdenklich, eröffnet aber einen Blick wie in eine angeschnittene Schwarzwälder Kirschtorte. Wir sind stark beeindruckt, können uns aber Dank feuchter Luft und Temperaturen um den Gefrierpunkt irgendwann losreißen. Nach kurzer Suche finden wir unseren roten Farbtupfer inmitten der tristen Steinwüste und fahren zurück auf Meereshöhe. Dort besuchen wir noch einen Leuchtturm östlich von Vík bevor wir in unsere Cottage einkehren. Ein paar köstliche Bratkartoffeln vom Meisterkoch und ein bisschen Fernsehen zum Runterkommen und dann ist auch schon wieder der Tag vorbei.

    Quote

    Hast Du schon mal nachgedacht Reisebuchautor zu werden?


    Grüße

    Tadi

    Vielen lieben Dank, Ich fühle mich echt geschmeichelt.


    Als Entwicklungsingenieur von Verbrennungsmotoren bei einem seit Jahrzehnten defizitären dt. Automobilhersteller sollte ich vielleicht wirklich mal drüber nachdenken.wikinger2

    Tag 3


    Nach dem rundum gelungenen Start in den Urlaub hoffen wir, dass es die nächste Woche in Südisland so weitergeht. Voller Tatendrang brechen wir kurz vor 8 auf, einen Lada Niva bei der Autovermietung Geysir.is in der Harpa abzuholen. Die Legende im zeitlosen Würfeldesign bot bei der Buchung den besten Kompromiss aus Preis und Leistung Robustheit. Doch aus der Bekanntschaft mit dem Sinnbild des sowjetischen Automobilbaus wird nichts. Der freundliche Mitarbeiter der Autovermietung klärt uns auf, dass der letzte Russe der Flotte vor wenigen Wochen das zeitliche gesegnet hat. Augenblicklich sehe ich einen Teil unserer Reisemöglichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runtergehen, bis der junge Mann uns die Alternativen aufzählt. Er will es uns anscheinend leicht machen und bietet uns mit Dacia Duster und Jeep Wrangler zwei alte Bekannte an. Ohne zu zögern entscheiden wir uns für den geländegängigeren Jeep und verlassen erleichtert die Tiefgarage. So lebhaft schön das Wochenende in der Hauptstadt war, nun erhoffen wir uns einen ähnlichen Kontrast wie im Gefühlschaos der letzten Minuten. Statt Kultur brauchen wir nun Natur, suchen Stille statt Trubel und schwimmen nicht mit sondern gegen den Strom. Dazu muss nicht jeder Weg ein Ziel haben, hauptsache er ist schön oder erweitert den Erfahrungsschatz. Beides erleben wir als wir erstmalig asphaltierte dann nummerierte Straßen verlassen.


    Wir befinden uns östlich von Fludir am gegenüberliegenden Ufer der Stóra Laxá. An diesem glasklaren Fluss erhoffe ich mir einen Wasserfall den ich beim letzten Islandbesuch auf einem Flyer des lokalen Tourenveranstalter secretlocal.is entdeckte. Zwar entdecken wir hier manche Erscheinung, die man glatt als verborgene Schönheit vermarkten könnte, der Wasserfall ist hier allerdings nicht.


    Doch das macht nichts, wäre er sowieso nur schmückendes Beiwerk des heutigen Hauptakteurs gewesen. Schon bei der Rückkehr aus dem Winterurlaub stand fest: der erste Reisetag im Sommer gehört dem Háifoss. Das sorgt heute für einen bescheidenen Umweg, der allerdings schnell runtergerissen ist. Davon ausgeschlossen ist zweifellos die Straße 332, die aufgrund ihrer Beschaffenheit sogar Madame aus dem Vorjahr im Mark hängen geblieben ist. Trotz eingeschalteten Schlaglochausweichmodus bleiben die Treffer nicht aus und wir pirschen uns Loch für Loch an den Parkplatz des Háifoss heran. Nachdem wir bei der Ankunft die letzte freie Parklücke in mitten etlicher Kleinstwagen ergattern, lassen wir uns ungeduldig an die Schlucht heranziehen. Mit jedem Schritt wird das Grinsen im Gesicht breiter, denn allmählich komplettiert sich der Anblick zu einem beeindruckenden Naturschauspiel. Unter azurblauen Himmel fällt die Fossá donnernd als weißer gebündelter Strahl den farbenprächtigen Fels herunter um sanft im nicht minder bunten Fossárdalur dahinzufließen.


    Wie hypnotisiert laufen wir mit gehörigem Respektabstand am Abhang entlang. Aus dutzenden Blickwinkeln machen wir Fotos, obwohl bereits eins ausreichen würde, diese unglaubliche Schönheit darzustellen. Mit aller Mühe reißen wir uns los um diesen Nachmittag zu etwas ganz besonderem zu machen. Wir wollen näher ran, runter in den Canyon. Wir folgen dem Trampelpfad Richtung Gjáin, vorbei an dem gerade gelandeten Hubschrauber und klettern über eine kleine Weidezaunleiter. Dann scharf rechts abbiegen, sich kontrolliert den immerhin noch beflockten Weg runterrutschen lassen und schon ist man unten. Bald darauf rückt der Háifoss wieder ins Blickfeld. Als wäre das nicht Grund genug in Freude auszubrechen, setzt ein Regenbogen am Fuße des Wasserfalls diesem Moment das Krönchen auf.


    Uns fällt es schwer sich nicht im Kamerasucher zu verlieren, vor Anmut zu Erstarren oder sich auf dem am Ende holprigen Weg nicht zu vertreten. Erst als es langsam nass wird, können wir uns bremsen. Die Situation ist unwirklich hier- oben die winzigen Menschen, neben uns der tosende Wasserfall und in unseren Köpfen ein Wirrwarr aus etwas Ehrfurcht und großer Zufriedenheit. Wir machen noch ein paar Social-Media-taugliche Fotos, speichern die Gefühle und machen uns auf den beschwerlichen Rückweg.


    Als wir 45 Minuten später wieder oben sind, geht es nach kurzer Erfrischungspause im Gallopp Richtung Süden, denn schließlich liegen noch 200 Kilometer zwischen uns und Giljaland. Wir legen noch einen Stopp am Þjófafoss ein und kommen gegen acht Uhr abends ziemlich erschöpft in unserer Unterkunft an.


    Schnell noch eine Portion Nudeln mit improvisierter Tomatensauce um wieder zu Kräften kommen und dann versinken wir einfach nur noch im Tiefschlaf.

    Tag 2


    Was für eine Nacht, sie endet bevor sie eigentlich angefangen hat. An Schlaf ist nicht zu denken, denn schutzlos war unser Unterbewusstsein dem Beat der Reykjaviker Partyszene ausgeliefert. Während der Kopf aufs Schlafen drängt, tanzt das Herz den fremden Takt. Der Druck sich erholen zu müssen steigt kontinuierlich und endet erst mit dem Verstummen des Krachs. Dass es dann schon 5 Uhr morgens ist, spielt nur noch eine Nebenrolle, denn wenigstens ist man so schon wach. Das bringt uns immerhin beim Frühstück um halb 7 in eine gute Position.

    Am Büffet erfinde ich mich erstmal neu und probiere nicht wie sonst von allem. Stattdessen gibt es ein wenig Brot, Müsli und Banane. Während wir konzentriert unser Kohlenhydratdepot füllen, bewegt uns zum gefühlt 23.Mal die alles entscheidende Frage: kurz oder lang? Zwar wird es heute sonnig und für isländische Verhältnisse fast sommerlich, doch so früh morgens ist es halt doch recht frisch. Wie bei der Suppe am Vortag entscheiden wir uns auch bei der Kleidungswahl unterschiedlich und treten eine Stunde vor Beginn den kurzen Weg zum Startbereich an.

    Nachdem wir erstmal die Lage checken, ärgern wir uns, dass wir keine kleine Cam dabei haben, um die Eindrücke im Bild festzuhalten. Währenddessen verrinnt die Zeit wie im Flug und schon bald suche ich mir eine Position in meinem Startblock. So aufregend das alles ist, verschwende ich keinen Gedanken mehr an die Horrornacht, die Erkältung von letzter Woche oder der misslungenen Generalprobe. Stattdessen mache ich mich in gewohnt halbherziger Manier warm und fiebere dem Startschuss entgegen. Und dann zählen wir auch schon bald den Countdown runter..3..2..1..und ab.

    Schnell noch einen letzten Kuss von Madame bevor es im Tippelschritt Richtung Startlinie geht. Ab hier zählt`s! Zügig suche ich mein Renntempo, fühle mich dabei wie ein Slalomläufer und bin dadurch schneller als gewollt auf Betriebstemperatur. Als es nach 500 Metern die Skothúsvegur hoch geht, nehme ich erstmal zurück, nutze die Zeit die Paparazzi zu grüßen und beginne meine Mitstreiter zu analysieren. Meine Gedanken sind bei fünf jungen Männern, die im Businessoutfit laufen. Nachdem ich zunächst überlege wie lange die wohl durchhalten, denke ich wenig später daran, dass die im Gegensatz zu mir wenigstens gut aussehen wenn sie aufgeben müssen.

    Mein Puls ist weit über dem, was ich mir für diesen Rennabschnitt vorgenommen habe und ich hege erste Zweifel, ob das heute nicht zu viel des Guten ist. Nichtdestotrotz bleibe ich beim Tempo, denn es geht nun lang und sanft bergab. Unten am Meer angekommen fange ich an die Rennerei erstmals zu genießen. Es ist die Mischung aus grandiosen Ausblick und der allmählich aufkommenden Stimmung am Straßenrand, die mich abschalten lässt. Ich setze einfach einen Fuß vor den anderen und sauge mich langsam an meinen Pacemaker heran.

    In Zeiten moderner GPS-Laufcomputer wohl eine aussterbende Art, wird dieser Läufer vom Veranstalter eingesetzt, um mir und den Pulk um mich herum bei der Suche nach der anvisierten Geschwindigkeit zu helfen. Dazu wird er mit einem Luftballon geschmückt, auf dem die Zielzeit steht und dient dadurch immerhin optisch als Motivation wie das künstliche Kaninchen beim Windhunderennen. Als mein Zugpferd bei der ersten Verpflegung noch weniger klarkommt als ich, entscheide ich mich an ihm vorbei zu ziehen. Um nicht beim Trinken zu ersticken, drossel ich kurz das Tempo, um dann endgültig in den Wettkampfmodus zu schalten.

    Von der mittlerweile sagenhaften Atmosphäre beflügelt, schwebe ich in 4:30 Minuten/Kilometer über den Asphalt. Hier in der Einfamilienhaussiedlung West-Reykjaviks ist die Stimmung am überkochen. Jeder ist auf der Straße, die Muttis haben gebacken, die Kids geben High-Five und die Musiker unter den Papas sorgen für den musikalischen Rahmen. Als plötzlich ein Lied der Beatles aus E-Gitarre und Schlagzeug erklingt, wird´s emotional. Ich sauge alles auf, genieße und wandel die Energie in Bewegung um. Diese Art von Energiestoffwechsel muss der Grund sein, dass ich die 10-Kilometermarke so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr erreiche. :)Mit großen Schritten geht es aus dem Hafenviertel Richtung Harpa.

    Von hier sind es nur wenige Meter Luftlinie bis zur Startlinie, wo Madame sich jetzt auf die Strecke begibt. Während sie nach eigenen Angaben die erste Kilometer eingefercht zwischen tausenden Läufern kuschelt, ist das Feld der Langläufer weit auseinandergezogen und die Erschöpfung vielen ins Gesicht geschrieben. Auch bei mir wird das Laufen allmählich zur Kopfsache und spätestens ab Kilometer 18 wird´s zäh.

    Obwohl ich das Tempo nur leicht zurücknehme, komme ich mir durch den Schlussspurt mancher vor zu stehen. Ich lasse mich nicht mitreißen, was mir einen Kilometer vor dem Ziel hilft die letzte Hürde zu nehmen. Kurz und steil geht es die Ingolfsstraeti hoch. Ich mobilisiere die letzten Kräfte und arbeite mich mit unbändigen Willen nach oben. Ich schnappe kurz nach Luft, richte die Frisur und lasse mich nun vom tobenden Publikum auf die Zielgerade ziehen. Getragen von der Menge werde ich immer schneller und sprinte knapp 1Stunde und 40 Minuten nach dem Startschuss über die Ziellinie.


    Um mich bei Bewusstsein zu halten, hängt man mir sofort eine Medaille um den Hals und klopft mir auf die Schulter.


    Ab dann schaff ich es wieder alleine, hole Getränke und warte auf Madame, die schon bald in 56:13 überglücklich ins Ziel kommt. Auch für sie ist das Bestzeit über 10 Kilometer und rundet dieses einmalige Erlebnis ab. Den weiteren Tag verbringen wir mit unter hunderttausenden bei der Reykjavik Culture Night.



    Bei tollstem Sonnenschein erfreuen wir uns an guten Bands, herausragenden Karaoke-Koryphäen und einem stimmungsvollen Feuerwerk am Abend über der Harpa.