Das bin ich und so war`s...

  • Hallo Islandforum,



    laut meinem Registrierungsdatum bin ich seit mehr als einem
    Jahr nun schon einer von euch. Heimlich, still und leise lese ich (glaube noch
    viel länger) mit, sauge Informationen auf, freue mich über jeden Reisebericht
    und verliere mich in schönen Bildern. Nun, kurz nach meiner zweiten
    Islandreise, habe ich beschlossen aktiver im Forum mitzumachen, um die
    bevorstehende dunkle Jahreszeit und das Warten auf den nächsten Islandtrip
    besser zu überstehen. Damit man mich besser einordnen kann nun aber ein paar
    Worte zu mir: Anders als mein Nickname erwarten lässt, heiße ich Stefan. Ich
    erblickte vor 31 Jahren das Licht der Welt. Nimmt man an, dass Hobbys die
    Aktivitäten sind, die einem viel Spaß machen und einen Großteil der
    Freizeitgestaltung einnehmen, so muss ich wohl (neben dem obligatorischen
    Männerhobby Fußball ) die Planung von Islandreisen in dieser Kategorie
    erwähnen. Ich könnte jetzt noch in der Vergangenheit wühlen und euch erklären wie
    die Infektion ihren Lauf nahm, möchte aber die Energie in meinen Fingerspitzen
    lieber in einen Reisebereicht der diesjährigen Reise stecken. Ihr hört von mir… bisbald GoIceland


  • Das Jahr ist ja noch lange wie wäre es mit beidem?


    Aber erst mal ein herzliches Willkommen!!!!


    Nicht nur das Jahr ist noch lang, sondern auch so ein Tag.
    Und deshalb will ich euch heute noch meinen Weg in die Sucht verraten.


    Es fing ausgerechnet im Urlaub auf einer anderen Insel an. Mallorca-mal wieder ein
    All-inclusive-Urlaub. Wie schon die Jahre zuvor. Mal mit mehr Aktivität, mal
    mit mehr Alkohol. Eines war immer gleich. Spätestens ab Mitte des Urlaubs
    denkst du wieder an den Alltag. Oder an den nächsten Urlaub. Und so hörte ich
    von der Nachbarliege: „Wollen wir mal nach Island?“ Da ich mit meiner Dame
    überall hingehe, nickte ich sofort. Kaum zuhause kauften wir einen Reiseführer
    und schnell stand unsere Entscheidung fest einmal ringsrum zu fahren. In
    Eigenregie buchten wir Flüge, Auto und Unterkünfte und warteten 8 Monate bis es
    soweit war. Fasziniert von Anfang an, zog uns die Natur spätestens beim Anblick
    des Dettifoss in Bann. Einer der Momente, die sich regelrecht einbrannten, als
    wir allein an dessen Ostseite standen. Als wir am Abreisetag an der 13.Furt
    nach Thorsmörk mit unserem Dacia Duster (den wir als Golf gebucht haben)
    scheiterten, stand fest, dass wir zurückkommen werden. Und so war es und wird
    es immer wieder sein.
    Morgen fang ich dann aber wirklich mit dem Reisebericht an...



  • Prolog/Anreise:



    Endlich ist es soweit, der 27.08.2016, die Reise ins Abenteuer beginnt. Nach Ringstraßentour 2014 soll es nun durch die Westfjorde und ins Hochland gehen. Länger als 1 Jahr ist es her seitdem ich alles gebucht hatte. Sicher ist sicher, dachte ich mir. Ungläubig fragten mich einige Unterkünfte bei der Buchung, ob ich mich im Jahr vertan hätte. Nein-„ next year please, 2016“. Eine Mischung aus unendlicher Wartezeit und nützlicher Vorbereitungszeit prägten meine Gefühlslage der letzten Monate. Nicht weniger aufgeregt war meine Herzdame, die natürlich dabei war.


    Es musste ja so kommen: ein mieser Sommer, aber 35°C am Abreisetag. Dennoch wohlklimatisiert kommen wir in Berlin an. Wie gewohnt geben wir das Auto bei einem der-ich sag mal- „Parkplatzdienstleister“ ab, horchen freudig ein wenig Berliner Mundart und steigen ohne besondere Vorkommnisse in den Flieger. Die obligatorische Sprengstoffkontrolle an meinem Gürtel und Kameratasche sind kaum diesen Satz wert-Standard! Ebenso unauffällig wie das Ergebnis der Kontrolle verliefen Start, Flug und Ladung. Erst bei der Abholung unseres Mietwagens wurde es wieder spannend. Den Shuttlebus zum Mietwagenareal haben wir gefunden und quetschen uns mit Koffer auf dem Schoß gefühlt zu zweit auf einen Sitz. Wahrscheinlich deshalb sind wir eine Station zu früh ausgestiegen und laufen im Stockefinstern die letzten 100 Meter durch die Mietwagenparkplätze.
    Zwei hochmotivierte Mitarbeiter empfangen uns Ironie--Smiley , klären die letzten Formalitäten und händigen uns die Schlüssel aus. Mit Kopflampe ausgestattet inspiziere ich die Dreimeterfünfzig des Jeeps auf und ab. Alles so wie es sein soll-jedenfalls außen. Innen erwartet uns ein Warnlämpchen, was mich als Motorenentwickler kurz zucken lässt. Nach Rücksprache mit dem leicht schläfrigen Mitarbeiter wohl Standard wenn der Ölwechsel nicht in der Vertragswerkstatt stattfindet. Ich vertraue ihm und mache einen kleinen Leistungscheck auf dem Weg zur Unterkunft. Alle Pferdchen da und zur Not würden sie uns bestimmt aus der Pampa abholen-oder der ADAC. :help: Nach etwa 10 Minuten sind wir an unserer Ferienwohnung angekommen. Es ist etwa 2 Uhr nachts. Obwohl wir uns für diese Zeit angekündigt haben, ist uns etwas mulmig, ob die Tür der Vermieterin denn wirklich auf geht. Kurz geklopft und siehe da- eine herzlich grinsende Dame empfängt uns in bestem Englisch. Wir sollen uns keine Sorgen machen-spätes Schlafen, spätes Aufstehen, das sei ihr Tagesrythmus. Dementsprechend verabschieden wir uns schon mal, denn wir wissen, dass das bequeme Bett uns nicht allzu lange halten kann-schließlich sind wir im Urlaub. :nummer1:

  • Tag 1



    Es war so wie erwartet-gegen acht klingelt der Wecker. Nun stürzen wir uns auf den gut gefüllten Kühlschrank. Alles was der Magen begehrt hat Guðný aufgefahren-von der Wurst/Käseplatte über Skyr bis hin zum Obstsalat-einfach toll. Gut gestärkt steuern wir unser erstes Tagesziel an- einen Supermarkt. Es war wie immer in einem anderen Land- man bleibt ewig vorm Süßkramregal hängen. Nicht vorzustellen, was gewesen wäre wenn wir nicht gut gesättigt gewesen wären. Jedenfalls war der Einkauf nicht günstig :) Nun geht’s aber wirklich zum ersten Highlight des Tages-dem knapp 200 Meter hohen Wasserfall Glymur. Am Parkplatz angekommen dann das erste „OH“ des Urlaubs…Parkplatzprobleme wie in manch deutscher Innenstadt. Die Navigationshilfe lassen wir getrost in der Hosentasche und folgen unseren Artgenossen. Wir sind ja alle nur Touristen, nur zum Glück verschieden. Der eine in Flip-Flops und weißer Leggins, der andere mit guter Sohle und wetterfest. :) Nach etwas mehr als einem Kilometer durch relativ öde kniehohe Buschlandschaft beginnt der Wanderweg abwechslungsreich zu werden. Erst durch eine kleine Höhle, dann später ein Balanceakt über eine Baumstammbrücke.
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    Trittsicherheit ist hier auf jeden Fall willkommen, genauso wie an manchem Steilstück hinauf zum Wasserfall.
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    Wäre nicht der ein oder andere Menschen-Stau an diesen Passagen entstanden, würde ich mich dazu hinreißen lassen, diese Wanderung als durchaus anstrengend zu bezeichnen. :) Obwohl oder gerade weil man relativ schnell Blickkontakt auf die ersten Fallstufen des Wasserfalls hat, läuft man gefühlt ewig bis man letztendlich oben ist. Zwischendurch nutzen wir eine der natürlichen Aussichtsplattformen um Rast zu machen, Kraft zu sammeln und einfach die schöne Landschaft zu genießen. Wir werfen noch einen lohnenswerten Blick zurück Richtung Walfjord und erfreuen uns am schönen Wetter.
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    Die Sonne scheint und es ist ausreichend warm um ins Schwitzen zu kommen. Nach etwa 2 Stunden sind wir stolz oben zu sein, denn schließlich sind wir eher Gelegenheitswanderer. Nie würden wir einfach nur wandern um zu wandern, wir brauchen ein Ziel, einen Wasserfall, etwas Schönes, etwas Besonderes.
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    Und so wandern wir in Island eben gerne .:) Am besten im Rundkurs, nicht den gleichen Weg zweimal. Bei dieser Einstellung bietet es sich regelrecht an den Fluss oberhalb des Wasserfalls zu durchwaten. Etwa hundert mal so breit wie tief ist der Fluss. Zu tief für die meisten Wanderschuhe und so suchen ganze Menschentrauben flussaufwärts und wieder abwärts laufend eine Möglichkeit trockenen Fußes den Fluss zu queren-außer wir. Bestens vorbereitet ziehen wir unsere 10-Euro Badeschuhe an und hängen alle ab. Den ersten Kälteschock steckt selbst meine Madame weg und läuft tapfer an meiner Hand bis zum anderen Ufer. Drüben angekommen sind wir uns einig, dass es gar nicht so kalt gewesen ist und dass die Füße gefühlt Meter für Meter wärmer wurden. Eine Erfahrung die im späteren Urlaub noch widerlegt werden wird…Den Abstieg zum Parkplatz zurück verbringen wir gut zur Hälfte in immer dichter werdenden Büschen. Viele Wege führen ja bekanntlich ans Ziel. Unserer ist mit Sicherheit einer der umständlicheren. Am Auto angekommen freuen wir uns nun darauf ein schnuckliges Café in Hvanneyri anzusteuern. Nach kurzer Suche im beschaulichen Ort stellen wir fest, dass sich die Belohnung für unsere Wanderung schon im vorwinterlichen Schlaf befindet. Wir verlieren keine Zeit und fahren nach Borganes, wo wir uns bei Snacks, Kuchen und Tee Motivation für die letzten 100 Kilometer Autofahrt bis zu unserer Cottage holen. Bei einem gepflegten Leichtbier klingt der Tag mit schöner Fernsicht im Hot Pot aus.





  • Tag 2


    Extrem früh werden wir wach. Geschafft wie wir noch am Vorabend waren, hätten wir uns das nicht träumen lassen. Es muss wohl der Tatendrang sein, der uns vor dem Weckerklingeln aus den Federn treibt. Das Frühstück fällt spartanischer aus als am Vortag- schließlich sind wir heute Selbstversorger :) . Und so dauert es nicht lange bis wir unsere Unterkunft verlassen. Kein Abschied für immer. Denn auf dem Rückweg aus den Westfjorden werden wir hier nochmals in der Nähe des Gilsfjördur einkehren. Kaum auf der Piste halten wir auch schon wieder an und fotografieren die Schären-artigen Inseln vor der Küste. Nach etwa 50 flachen Kilometern merken wir, dass wir am Beginn der Westfjorde angekommen sind. Zum ersten Mal wechselt der Untergrund von schön asphaltiert zu gut geschottert, es geht steil bergauf und wir werden mit einem unvergesslichen Ausblick über die Fjorde begrüßt. Bei strahlend blauem Himmel können wir sogar bis zum schneebedeckten Snaefellsjökull gucken. Hundert Kilometer Fernblick, die die Gedanken schweifen lassen. Weiter geht es rauf und runter. Fast einsam sind wir, wenn da nicht dieser Kia mit zwei jungen Männern wäre, denen wir immer wieder begegnen. Abwechselnd überholen wir uns-je nachdem wer gerade fotostoppt . Schließlich hat das Treiben ein Ende. Wir sind an der Hellulaug angekommen. Schon als wir die 5 Autos auf dem Parkplatz sehen, beschließen wir nur mal zu gucken. Schüchtern schauen wir um die Ecke und erspähen den schönen, natürlich proppevollen, Pool am Meer. Mit Blick auf die Tageszeit hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Hier hilft wohl nur ganz frühes oder spätes Erscheinen- „Aber bitte nicht campen“. Davon abgesehen treibt uns das weitere Tagesprogramm an. Zum Raudasandur und nach Latrabjarg wollen wir es schließlich noch schaffen. Um ersteren zu erreichen, biegen wir kurz hinter dem Schiffswrack im Patreksfjödur nach links auf die Straße 614 ab. Anfangs im Stile eines Ralleyfahrers fahrbar, gibt sie sich zum Ende hin doch sehr schmal, steil und mit engen Kerben bestückt, die vorallem hoch auch mal nach dem ersten Gang verlangen. Hin und wieder lohnen Blick voraus und in den Rückspiegel, um einen Schnappschuss des roten Strands von oben zu erhaschen. Unten angekommen fahren wir nun doch schon leicht hungrig in Richtung des Cafés, was es hier geben soll. Wir finden das Haus mit seiner prächtigen Südterrasse-natürlich verschlossen. Das Saisonglück scheint nicht mit uns zu sein. „Na und“ denken wir und stärken uns mit Panzerkeksen, Zwieback und Cola für die Wanderung zum Strand. Aber wo ist dieser überhaupt? Von oben noch farbenprächtig strahlend, sehen wir nun nur Weideland. Zum Glück erspähen wir darauf kleine Wesen, die sich wie eine Ameisenarmee auf uns zu bewegen. Wir laufen einfach los. Einer nach dem anderen kommt an uns vorbei und weist uns mit seiner Präsenz den Weg. Jetzt wissen wir auch wem die Autos vor dem Café zuzuordnen sind. Wir wurden also nicht ausgegrenzt, haben aber trotzdem das Gefühl, dass wir kommen und alle gehen..mmh. Nach gut eineinhalb Kilometern haben wir endlich Sand unter den Füßen. Sofort stürzt sich Madame mit Makroeinstellung bewaffnet auf die zahlreichen großen Muscheln. Ich treibe sie weiter durch mal festen, mal weichen Sand. Dank Ebbe kommen wir bis zum Meer und staunen über die endlose Weite in alle Richtungen.
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    Auf dem Rückweg übernehme ich die Orientierung und bringe uns zeitnah zum Auto. Schnell noch einem Russen erklärt, dass man trotz Zeitdruck nicht bis an den Strand fahren kann und dann machen wir uns selbst wieder den Berg rauf. Zurück an der 612 setzen wir unsere Reise nach links fort. Zunehmend wird die Straße schlechter. Höchste Konzentration erfordert das Umfahren der Schlaglöcher. Gefühlt einem ausgewichen, fährt man in zwei andere rein. Dazu ein bisschen Disziplin langsamer zu fahren schont also Halswirbelsäule und Querlenker. Wir kommen vorbei an schrottplatzähnelnden Siedlungen und karibisch anmutenden Stränden. Der Verkehr nimmt zu. Kurz hinter Breidavik biegen wir auf einen schmalen Weg ab, während der ein oder andere SUV weiter geradeaus Richtung Leuchtturm fährt. Keine Irrfahrt sondern voll nach Plan, hab ich doch vorher gut recherchiert wie man an die höchsten Abschnitte der Steilküste herankommt. Nach 5 Kilometer rumpeliger Fahrt, 300 Meter Fußweg und 2 Meter Kriechgang liegen wir hunderte Meter über dem Meer. Kaum den Mut nach unten zu schauen haben wir. Und so gehen wir lieber einige Meter zurück und gucken die Küstenlinie entlang-traumhaft trotz steifer Brise.
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    Zurück an der Mainroad eine folgenschwere Entscheidung. Wir fahren nicht nach links und können nicht von uns behaupten am westlichen Punkt Europas gewesen zu sein. Bleibt wohl nur der Trost die Lundis nicht verpasst zu haben, die gewöhnlich um diese Jahreszeit zum Futtern auf dem Meer sind. Jedes Schlagloch kennend, gestalte ich den Rückweg noch schneller, komme aber an den Kleinwagen hunderte Meter vor mir nicht ran-der arme Mietwagen. Schnell noch einen Stopp am schon erwähnten Schiffswrack, dessen Bauch teils neugestrichen, teils stark verwittert anmutet. Nachdem das schöne Stillleben digital festgehalten wurde sind wir ruck zuck in Patreksfjördur, wo wir ein schönes Zimmer einer isländischen Hotelkette beziehen. Nach tollem Essen im Café Stukuhusid machen wir die letzten Schritte für heute bei einem kleinen Spaziergang durch den charmanten Ort.

  • Tag 3


    In dieser Nacht sorgte ein magisches grünes Licht am Himmel für temporäre Schlaflosigkeit, die man gerne in Kauf nimmt. Es waren die angekündigten Nordlichter zu sehen. Am Vorabend mit Faktor 5 von 9 auf der Vorhersageskala malten wir uns bei wolkenlosen Himmel Chancen aus dieses Phänomen zu bestaunen. Also stellten wir den Wecker spontan auf Mitternacht. Geklingelt-geguckt- nichts-Wecker auf um eins gestellt-wieder nichts. Da aller guten Dinge bekanntlich 3 sind, flüstere ich um 2 Uhr mit mindestens 80 Dezibel: „Schatz, Schatz Nordlichter!“. Während der Himmel tanzt und glüht, schwinge ich mich in die volle Montur, schnappe das vorbereitete Fotozeugs und mache mich nach draußen. Madame bleibt in der Komfortzone und genießt am Fenster. Zunächst sind die Lichter fern im Süden, dann direkt über mir. Ich mache ein Foto nach dem anderen. Mal 8 Sekunden, mal 15 Sekunden Belichtungszeit, jedesmal eine Ewigkeit bis zum nächsten Schuss. Ich versuche mich zu konzentrieren und hoffe, dass ich alles richtig mache, denn schließlich bin ich Anfänger.
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    Nicht wissend ob es später gut aussieht, schließe ich irgendwann den Objektivdeckel und speichere zur Sicherheit noch minutenlang die Eindrücke, die sich durch meine zwei Linsen auf meine Festplatte brennen. Klein fühle ich mich in diesem Moment, erdrückt vom Schauspiel, was sich mir bietet. Gegen drei Uhr verabschiede ich mich vom Tanz und gehe zurück aufs Zimmer. Etwas verschlafen öffnen wir morgens die Augen. Die Ereignisse der letzten Nacht lassen Realität und Traum verschwimmen. Wahrscheinlich deshalb sitzen wir etwas sprachlos beim Frühstück, schlemmen uns durch die Vielfalt und fahren Richtung Dynjandi los. Sofort merkte man, dass heute der Tag-der-überquerten-Pässe werden sollte. Sind wir erstmal mit ausreichend Schwung oben angekommen, bietet sich uns bei der Abfahrt meist ein traumhafter Blick in den nächsten Fjord. Besonders einprägend ist dabei die Überfahrt in den breiten Arnarffjördur mit seinen zahlreichen Verästelungen. Nach einigen Kilometern am Meer entlang, geht es über die hochgelegene Dynjandisheidi zum wohl namensgebenden Wasserfall. Es ist der Wasserfall, der wohl eher den dafür ideal geformten Fels runter läuft als fällt. Ganz weich und unten breiter als oben. Ob mit ein paar kleineren Wasserfällen im Vordergrund oder alleine, ist er ein Traummotiv und so beschließen wir ausnahmsweise das Stativ aufzubauen. Gerade ausgestiegen beginnen wir trotz eisigem Wind sofort eifrig nach dem besten Bildausschnitt zu suchen.
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    Stück für Stück kraxeln wir die Natursteintreppe hinauf und wiederholen das Spielchen. Verschiedenste Blickwinkel und Einstellungen haben uns vergessen lassen, dass die Fingerkuppen kurz vorm erfrieren sind.
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    Irgendwann kehren wir um. Der Wind der uns zuvor den Berg hochgedrückt hat, sorgt nun mit seinen starken Böen dafür, dass der Abstieg leicht wackelig verläuft. Ich nehme mir noch die Zeit einer Dame den Gefallen zu tun, sie mit ihrem Smartphone vorm Wasserfall abzulichten. Das Ergebnis lässt mich daran zweifeln, wofür wir die ganze Mühe getrieben haben, wenn´s auch mit so einem Ding in „schön“ geht. Während wir am Auto sind, kommt ein Reisebus und mehrere Superjeeps an-Zeit zum losfahren in weitaus einsamere Gegenden. Eine besonders verlassene Region ist der Abschnitt zwischen Hrafnseyri und Pingeyri, wenn man die Straße 622 fährt. Die Fotos und Geschichten, die ich bei der Recherche abspeicherte, versprachen kein Kinderspiel für diesen Abschnitt. Von „keine Ausweichmöglichkeit bei Gegenverkehr“ bis „ nur bei Ebbe fahrbar“ reichten die Aussagen. Da diese Voraussetzung erfüllt war, machen wir uns rauf auf die Piste, die uns mit zwei Furten/ Fützen begrüßt. Vorbei an einzelnen Höfen, die durchaus auch bewohnt waren, kommen wir zu einer oft erwähnten Schlüsselstelle. Zwar ist der Kiesel unter unseren Rädern kindskopfgroß aber die isländische Straßenmeisterei hat hier gute Dienste geleistet. Als wir gerade über das zu durchfahrende Felsentor staunen wollen, mache ich eine Vollbremsung, sichere das Auto und springe mit Kamera unauffällig aus dem Auto. Schnell hat auch meine Frau mitbekommen, was ich gesehen habe. Zwischen den Felsen am Meeresrand hüpft ein Polarfuchs mit einem Snack im Maul rum. Ich schieße den kleinen mit meiner Kamera ab ehe er die Flucht ohne Beute ergreift.
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    Mit schlechten Gewissen setzen wir die Weiterfahrt fort und hoffen, dass er das tote Federviech wiedergefunden hat. Im weiteren Verlauf begegnen wir einigen Entgegenkommern ohne dabei ins Schwitzen zu kommen. Auch die Steilhänge links zum Meer und recht zum Berg verursachen keine Platzängste und so kommen wir mit ruhigem Puls in Pingeyri an. Dieser steigt jedoch beim Gedanken an das fürs Mittagessen vorgemerkte Café an. In freudiger Erwartung betreten wir einen proppevollen Laden. Etwas hilflos, nach Orientierung ringend, stehen wir einige Minuten im Eingangsbereich ehe uns 4 nichtssagende Kellner zu verstehen geben, dass hier heute kein Platz für uns ist. Das lassen wir uns nicht zweimal „sagen“, ergeben uns der Busladung und ziehen ab. Dann eine Schnappsidee: „lass uns zum Kvennaskard-Pass hochfahren und schauen, ob Wetter und Zeit es zulassen den höchsten Berg der Westfjorde, den Kaldbakur, zu besteigen.“ Kriechgang bei der Hochfahrt und tiefhängende Wolken sorgen dafür, dass wir am Pass angekommen lediglich ein Schnittchen essen, bevor wir uns wieder talabwärts begeben. Der Plan, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, kostet uns entscheidende Minuten um in Isafjördur vor Ladenschluss beherzt shoppen zu gehen. Die Hälfte der Geschäfte ist nach 17 Uhr nur noch geöffnet, die Ausbeute ist trotzdem maximal. Auf den letzten 130 Kilometern zu unserer Unterkunft in Heydalur werden wir kontinuierlich schneller. Getrieben von einer inneren Unruhe haben wir das Gefühl zu irgendwas zu spät zu kommen. Es ist wohl eine Scheinhektik, die ansteckend ist. Als wir den Schlüssel zu unserem vorgebuchten Zimmer selbstverständlich ausgehändigt bekommen, fallen vorallem Steine von den weiblichen Schultern neben mir ab. Vorm Schlafengehen gehen wir mit einem der Hofhunde spazieren und ziehen ein paar Bahnen im Gewächshaus.
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